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Aktienmarkt : Die Wette auf eine rasche Erholung

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Kai

Die Börsen haben die Wirtschaftskrise für beendet erklärt. Selbst Turbulenzen in China und Warnungen der Zentralbanken bleiben folgenlos. Was vergessen wird: Der Abschwung mag gestoppt sein, jedoch auf einem niedrigen Niveau.

          Trotz der empfindlichen Kursverluste der vergangenen Woche hat sich an der optimistischen Stimmung an den Aktienbörsen wenig geändert. Der Wochenverlust von gut 2,5 Prozent (gemessen am Deutschen Aktienindex Dax) schmerzt zwar, aber Anlass für eine Neubewertung der Risiken scheint er nicht zu sein. Schon werden optimistische Rechnungen vorgelegt: Der Abschwung der Wirtschaft sei beendet, ebenso der Verfall der Unternehmensgewinne. Deshalb, so argumentiert zum Beispiel die DZ Bank, werde jetzt ein neuer Zyklus der Unternehmensgewinne beginnen. Mit anderen Worten: Sie werden steigen. Deshalb könne es für die Aktienkurse - mal abgesehen von kurzfristigen Rückschlägen - mittelfristig nur nach oben gehen. Ähnliches folgern auch die Analysten anderer Banken.

          Was ist also dran an der Zuversicht? Der Abschwung ist aller Voraussicht nach wirklich gestoppt, jedoch auf einem beklagenswert niedrigen Niveau. Zu Wochenbeginn werden die Auftragseingänge in der deutschen Industrie veröffentlicht. Sie dürften etwa 2 Prozent über dem Wert des Vormonats liegen, was erfreulich ist. Allerdings wird das Auftragsvolumen zugleich auch rund 20 Prozent niedriger sein als vor einem Jahr. Selbst wenn es eine Serie von ähnlichen monatlichen Steigerungen gäbe, bräuchte es ein Jahr, bis das frühere Niveau erreicht würde. Schon das wird für viele Unternehmen eine existenzbedrohende Herausforderung. Bislang sind die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt - in Deutschland auch dank der Kurzarbeit - geringer als befürchtet gewesen. Doch je länger die Unterauslastung der Kapazitäten dauert, desto größer wird der Druck auf die Unternehmen, die Kosten zu senken.

          Dauerhaft niedrige Leitzinsen

          Das könnte zu einer neuen Welle von Erschütterungen führen. Die in der vergangenen Woche gemeldete Insolvenz des Warenhauskonzerns Karstadt - die drittgrößte deutsche Pleite seit dem Krieg - wäre dann wohl nur der Auftakt. Doch man sollte die Stabilisierung der Wirtschaft auch nicht ignorieren. Der freie Fall ist nach menschlichem Ermessen gestoppt. Das verschafft allen Akteuren Luft und vor allem Zeit.

          Doch manche Investoren und Banken wollen sie offenbar nicht nutzen, um ihr Haus wetterfest zu machen, sondern sie streben nach neuen Höhen. Die Risikofreude ist merklich gestiegen. Riskantere Spekulationen sind wieder en vogue, und mit ihnen steigen auch die Prognosen für Wachstum und Aktienkursgewinne.

          Die nur leicht optimistischere Einschätzung der wirtschaftlichen Lage durch die Europäische Zentralbank (EZB) wurde von den meisten Banken mit offen ausgesprochener Enttäuschung aufgenommen. Zum Teil waren die Reaktionen geradezu paradox. Einerseits wurden die Prognosen der Zentralbank - ihre Fachleute rechnen für das kommende Jahr mit einer stagnierenden Wirtschaft im Euro-Raum - als zu vorsichtig eingeschätzt. Viele Bankenanalysten erwarten schon für das kommende Jahr wieder ein Wachstum von einem Prozent oder mehr. Andererseits mussten sich die Vertreter der EZB auf einer prominent besetzten Konferenz in Frankfurt auch den Vorwurf anhören, sie achteten viel zu sehr auf die Inflation. Die spiele im Moment aber keine Rolle. Bedrohlich sei doch viel eher das Restrisiko der Deflation, also einer sich selbst verstärkenden und die Wirtschaft lähmenden Abwärtsspirale des Preisniveaus. Was denn nun? Deflation? Dann wären die Prognosen der EZB sogar zu optimistisch. Oder doch lieber eine rasche Erholung der Wirtschaft und hohe Wachstumsraten. Dann würde aber auch schon bald wieder Inflationsdruck aufkommen. Am liebsten hätten die Banken wohl beides auf einmal: Dauerhaft niedrige Leitzinsen und eine Zentralbank, die ob der wirtschaftlichen Entwicklung vor Optimismus sprüht.

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