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Aktienmarkt : Die Rally ist bald vorbei

Bild: F.A.Z.

Der Dax ist weit in die Höhe geschossen. Doch die Erfahrung mit früheren Wirtschaftskrisen zeigt: Sehr lange dauern solche Rallys nicht.

          3 Min.

          Sprinter sind schnell, aber lange laufen können sie nicht. Die Aktienmärkte haben seit ihrem Tief im März einen beeindruckenden Spurt hingelegt: Der Dax beispielsweise hat fast 60 Prozent gewonnen, und in allen Industriestaaten zusammen sind die Aktien um etwa 40 Prozent teurer geworden.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch auch wenn der Dax am Montag abermals ein neues Jahreshoch erreicht hat, könnte den Aktienmärkten schon die Puste ausgegangen sein. In den vergangenen drei Wochen hatte sich der Dax kaum von der Stelle bewegt und die amerikanischen Börsen konnten am Montag ihre Gewinne nur mit knapper Not noch retten.

          Der Anlagenotstand treibt die Kurse

          Da fragen sich die Anleger - vor allem die, die anfangs gar nicht so schnell gucken konnten, wie der Dax davongezogen war: Nimmt er sein altes Tempo bald wieder auf? Trabt er gemächlicher weiter? Oder geht er am Ende wieder zurück in die Richtung, aus der er gekommen ist?

          Bild: F.A.Z.

          Die Zukunft kennt zwar keiner. Aber was die Aktien derzeit treibt und was sie bremst, darüber herrscht große Einigkeit. Und die Treiber scheinen weniger ausdauernd zu sein als die Bremser.

          Der Treiber, sagt beispielsweise der Vermögensverwalter Bert Flossbach, sind die enormen Mengen Geld, die derzeit an den Märkten unterwegs sind. „In sicheren Anlagen gibt es derzeit kaum noch Zinsen. Es gibt einen Anlagenotstand.“ Viele Anleger wüssten nicht so richtig, wo sie mit ihrem Geld hin sollen, und steckten deshalb auch einiges in Aktien, auch weil die Stimmung derzeit noch gut sei. „Im Moment sehen alle das Glas halbvoll“, sagt Flossbach - und gibt zu bedenken: „Vor allem in Firmen, deren Geschäft sehr von der Konjunktur abhängt, steckt inzwischen schon sehr viel Optimismus. Da sind die Gewinne von 2011 und 2012 schon vorweggenommen.“

          Der große Wachstumsschub ist bisher immer ausgeblieben

          Noch weiter steigende Kurse würden also immer mehr Optimismus erfordern - dabei kann es leicht passieren, dass der bald nachlässt. Vielleicht deshalb, weil sich die Wirtschaft jetzt doch langsamer erholt als erwartet. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt nämlich, dass die Wirtschaft nach großen Finanzkrisen auf Jahre hinaus nur noch langsam gewachsen ist.

          Das haben die amerikanischen Wirtschaftsforscher Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff ermittelt, die Finanzkrisen seit dem Mittelalter untersucht haben. Die aktuelle Krise unterscheidet sich bisher kaum von den früheren. Und die Geschichte zeigt: Nach der Rezession schleicht die Wirtschaft meist derart, dass sie erst nach mehreren Jahren wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

          Ungelöste Strukturprobleme?

          Die Aktienmärkte entwickeln sich entsprechend. Unabhängig von Reinhart und Rogoff hat der Aktienstratege Teun Draaisma von der Investmentbank Morgan Stanley die Kursstürze der vergangenen Jahrzehnte untersucht. Auch laut seiner Untersuchung bewegt sich der Dax bislang für eine Krise recht durchschnittlich, er ist nur deutlich schneller, als es die Aktienindizes in früheren Krisen waren. Erst ging es durchschnittlich 56 Prozent nach unten, dann - vom niedrigeren Niveau aus - 70 Prozent nach oben. Danach dümpelten die Aktien mehrere Jahre lang ohne große Richtung dahin.

          Draaisma hat dafür auch eine Erklärung: „Nach großen Krisen hatte die Wirtschaft immer ein Strukturproblem. Dieses Mal gibt es zu viele Schulden in der Wirtschaft. Die sind noch da, sie sind nur inzwischen beim Staat.“ Dazu käme in vielen Fällen, dass Menschen und Politiker nach einer großen Krise wieder mehr Wert auf Sicherheit und weniger auf Wachstum legten. Entsprechend würden beispielsweise die Banken härter reguliert. Auch das kostet Wachstum, Firmengewinne - und damit auf Dauer irgendwann den Kursanstieg.

          Kritisches Jahr 2010

          Nun wiederholt sich die Geschichte nicht immer. Die Notenbanken auf der ganzen Welt haben dieses Mal sehr aggressiv reagiert und der Wirtschaft viel Geld zur Verfügung gestellt. Also war auch genügend Geld da, um die Kurse anzutreiben.

          „Der Aufwärtstrend der vergangenen acht bis zehn Wochen ist mit wirtschaftlichen Daten nicht zu erklären“, findet zum Beispiel Alexander Krüger, der Leiter der Kapitalmarktanalyse beim Bankhaus Lampe. Er rechnet damit, dass den Aktien schon in den kommenden Wochen die Puste ausgeht.

          Richtig kritisch wird es nach Krügers Einschätzung dann im nächsten Jahr. Denn dann drohten neue Enttäuschungen, wenn die Anleger feststellen, dass sich die Wirtschaft doch nicht so schnell entwickelt wie erhofft. Außerdem müssten die Notenbanken dann anfangen, ihr Geld wieder einzusammeln. Das schlägt nicht nur auf die Stimmung, sondern entzieht der Wirtschaft auch schlicht wieder Geld, das vom Aktienmarkt kommen könnte.

          Mit dem Einsammeln werden die Notenbanker dann anfangen, wenn sie sich sicher sind, dass die Wirtschaft einigermaßen stabil ist, schätzt Teun Draaisma von Morgan Stanley. Er folgert daraus: „Solange die handelnden Personen nervös sind, bleibt die Lage für Aktien gut. Gefährlich wird es, wenn sie der Konjunktur zu sehr vertrauen.“

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