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Aktienmarkt : Deutsche Renditen nahe dem Rekordtief

Bulle und Bär: Deutsche Renditen sind nahe am Rekordtief Bild: Schoepal, Edgar

Die geopolitischen Risiken steigen - und die Anleger greifen auf die als besonders sicher geltenden Bundesanleihen zurück. Gebrochen scheint indes der Aufwärtstrend des Euro.

          Kaum jemand hatte es zu Jahresanfang für möglich gehalten, dass die schon tiefen Zinsen noch weiter fallen könnten. Doch genau das ist in Deutschland passiert. Von 1,93 Prozent zu Jahresbeginn ist die Rendite von Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit auf 1,137 Prozent am Freitag gefallen. Damit ist das im Juni 2012 markierte Renditetief von 1,127 Prozent nur noch eine Winzigkeit von 0,01 Prozentpunkten entfernt.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Verschärfung der Sanktionen gegen Russland in der Nacht zum Donnerstag, der Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs über der Ostukraine in der Nacht zum Freitag, die Bodenoffensive Israels gegen die Hamas im Gaza-Streifen und nicht zuletzt die instabile Lage im Norden Iraks und in Libyen – diese Vielzahl an Krisenmeldungen lässt die Anleger zu den als besonders sicher geltenen Bundesanleihen greifen.

          „Die globalen Krisenherde brodeln. Die Anleger haben mehr als genug Gründe, die sorglose Stimmung der vergangenen Wochen gründlich zu hinterfragen“, sagt Sebastian Sachs, Anleihefachmann vom Bankhaus Metzler und fügt hinzu: „Bunds sind dann der größte Profiteur.“ Schon die gesamte Woche über hangelten sich die Kurse der Bundesanleihen von Rekordhoch zu Rekordhoch.

          Nach wenigen Tagen wieder „mehr Risiko“

          Allerdings haben die Phasen erhöhter Vorsicht an der Börse aus politischen Gründen selten lange angedauert. Trotz der immer wieder aufflammenden politischen und kriegerischen Konflikte in der Ukraine und in Israel haben die Anleger auch in diesem Jahr stets nach wenigen Tagen auf „mehr Risiko“ umgeschaltet – und wieder Aktien gekauft. Denn Notenbanken stützen die Kurse, indem sie weitere Überschussliquidität bereit stellen. Die Europäische Zentralbank hat die nächste Geldspritze an die Banken für September angekündigt.

          Auch wegen der lockeren Geldpolitik hat es in den vergangenen drei Jahren an den Aktienmärkten keinen größeren Rücksetzer der wichtigen Aktienindizes mehr gegeben. Und auch am Freitag hielten sich die Kursreaktionen in Grenzen. Obwohl die Exporte deutscher Unternehmen nach Russland schon im April um 17 Prozent gefallen sind, reagierte der Dax auf die abermalige Zuspitzung des Konflikts mit Russland kaum.

          Kurz vor Handelsschluss am Freitag wies der Deutsche Aktienindex 9.685 Punkte auf – 0,7 Prozent weniger als am Donnerstag und 1,5 Prozent weniger als zu Monatsanfang, aber immerhin 0,2 Prozent mehr als zu Wochenbeginn. Dabei hatten die amerikanischen Aktienmärkte am Donnerstag mit deutlichen Rückschlägen auf die Nachrichten aus der Ukraine und Israel reagiert.

          Nur geringe Preisausschläge bei Rohstoffen und Gold

          Der Aktienindex S&P 500 fiel um 1,2 Prozent auf 1958 Zähler – so stark wie seit Anfang April nicht mehr. Am Freitag legte der S&P 500 zunächst um 0,4 Prozent zu. Auch an den Rohstoffmärkten hielten sich trotz der deutlich gestiegenen geopolitischen Risiken die Preissausschläge in engen Bandbreiten. In der Nacht zum Freitag kletterte der Preis der „Krisenwährung“ Gold zwar um 20 Dollar je Feinunze, bröckelte dann aber wieder ab. Am Freitagnachmittag kostete Gold mit 1310 Dollar nur so viel wie zu Beginn der Woche.

          Ähnlich ist die Entwicklung auf dem wegen der Krisen in Nahost angespannten Ölmarkt: Dort stieg der Preis für ein Barrel Brentöl von Donnerstag auf Freitag zwar um 4 Dollar auf rund 108 Dollar, lag aber noch unter dem Durchschnittspreis der letzten 200 Tage. Dabei fehlt es nicht an Rufen, die Anleger vor zu viel Sorglosigkeit warnen. Doch selbst die Renditen für russische Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit stiegen in dieser Woche lediglich von 8,5 auf 8,9 Prozent an.

          Und israelische Staatsanleihen mit Fälligkeit in zehn Jahren kauften Anleger noch am Freitag zu historisch niedrigen Zinsen von 2,8 Prozent. Noch am heftigsten reagierten die Aktienkurse von Fluggesellschaften – was nicht nur auf den Absturz des Jets, sondern auch auf die gestiegenen Ölpreise zurückzuführen war.

          Der Euro kostet weniger als 1,35 Dollar

          Am Donnerstag sackte an der Wall Street der Nyse Arca Airline Index, ein vielbeachtetes Branchenbarometer, um 2,7 Prozent ab. Die Titel von Delta und United Continental gaben um jeweils 3,4 Prozent nach. Der Kurs von American Airlines fiel um mehr als 4 Prozent. Trotz der jüngsten Rückschläge liegt der Nyse Arca Airline Index in diesem Jahr noch mit mehr als 20 Prozent im Plus. Damit ist der Luftfahrtindex dreimal so stark gestiegen wie der S&P 500.

          Dagegen ist die Aktie der Deutschen Lufthansa schon vor einigen Wochen ins Trudeln geraten. Am Donnerstag verlor sie 2,4 Prozent und am Freitag weitere 1,5 Prozent, so dass ihr Kursverlust seit Jahresanfang auf 7 Prozent anschwoll. Der Dax hingegen hat in diesem Jahr um 1,5 Prozent zugelegt, der Dow Jones sogar um 2,4 Prozent und hat erst in dieser Woche mit 17.148 Punkten einen neuen Rekord aufgestellt. Gebrochen scheint indes der Aufwärtstrend des Euro. Nachdem ein Euro Anfang Juni noch mehr als 1,39 Dollar gekostet hatte, waren es am Freitag erstmals seit Februar weniger als 1,35 Dollar.

          Der Dollar wertet in Krisenzeiten auf

          Es ist durchaus üblich, dass der Dollar in Krisenzeiten aufwertet. Allerdings erstreckt sich die Euro-Schwäche auch auf das Wechselkursverhältnis zum japanischen Yen. Die japanische Währung hat zum Euro in den vergangenen Monaten um 3 Prozent und damit mehr als der Dollar aufgewertet. Analysten bringen die Euro-Schwäche weniger mit den geopolitischen Risiken und mehr mit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank in Verbindung. Sie erwarten, dass die Geschäftsbanken sich von ihr im September 300 bis 400 Milliarden Dollar leihen werden, um die sich dann das Euro-Angebot erhöhen könnte.

          Dagegen schrumpft die Dollar-Liquidität tendenziell, weil die amerikanische Notenbank wahrscheinlich ab Oktober keine neuen Anleihen mehr kaufen wird. Deshalb sagt zum Beispiel die größte europäische Bank HSBC für einen Euro zum Jahresende nur noch einen Kurs von 1,28 Dollar voraus.

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