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Aktienmarkt : Der Hausse gehen die Zugpferde aus

  • Aktualisiert am

Noch weisen die Charts an der Wall Street nach oben Bild: AFP

Zunehmende Ermüdungserscheinungen in Amerika: Der im März begonnene Aufwärtstrend verliert an Dynamik. Gerade über den Aktienmarkt in China äußern sich Analysten besorgt. Technische Kommentare aus Wall Street.

          3 Min.

          Die Aufwärtsbewegung am amerikanischen Aktienmarkt offenbart zunehmende Ermüdungserscheinungen. Die Kursgewinne der weithin beachteten Indizes sind insgesamt moderat geworden, und wenn sie einmal deutlicher ausfallen, folgt meist rasch eine Korrektur. Zudem mangelt es inzwischen an Zugpferden, die den Markt solide nach oben führen könnten. Neben den zumindest angeschlagenen Trendindikatoren machen viele technisch orientierte Analysten auch wachsende Sorglosigkeit der Anleger gegenüber den Risiken aus. Dies sind aller Erfahrung nach die Zutaten, aus denen eine weiter reichende Korrektur nach unten entstehen kann.

          Walter Murphy, ein der Elliott-Wellen-Theorie zugewandter technischer Analyst, erwartet angesichts des jüngsten Marktverhaltens, dass der Anfang Juli entstandene Aufschwung und damit die gesamte, bis Anfang März zurückzuverfolgende Aufwärtsbewegung vielleicht noch bis Ende September weiter nach oben führen dürfte. Unter anderem hebt er auf den Stand der von ihm verfolgten Stimmungsindikatoren ab, die nach seinem Urteil trotz der ansehnlichen Kurssteigerungen noch immer ein hohes Maß an Skepsis unter den Börsianern und Beratungsdiensten erkennen lassen.

          Aufschwung verliert an Kraft

          Stimmungsindikatoren sind Kontraindikatoren. Besonders wichtig erscheint Murphy, dass sich im Zuge weiterer Kurssteigerungen die zuletzt entstandenen negativen Divergenzen zwischen den Indizes und/oder technischen Indikatoren auflösen und nicht weitere aufkommen. Gegenwärtig lassen sich nach seinen Erkenntnissen Anzeichen dafür erkennen, dass der Aufschwung an Kraft verliert und dass seine breiteste Phase vorüber sein könnte. Murphy bleibt bei seiner These, dass die im März entstandene Haussephase nur eine Zwischenbewegung im Rahmen einer noch nicht gebrochenen langjährigen Baisse sein dürfte.

          Mary Ann Bartels, die Cheftechnikerin von Banc of America Securities-Merrill Lynch (BAS-ML), nennt als nächstes Ziel für den Standard & Poor's 500 Index (S&P 500) den Bereich zwischen 1055 und 1065 Punkten. Diese Zone hatte sie schon im März anvisiert, als nur sehr wenige technische Analysten die Dimension der seinerzeit entstandenen Hausse erfasst hatten. Die Möglichkeit eines weiter reichenden Anstiegs diskutiert Bartels wenigstens zu diesem Zeitpunkt nicht. Dafür hebt sie auf die wachsenden Risiken ab, die ihrer Ansicht nach eine Korrektur ankündigen könnten. Bartels weist auf die sowohl kurz- als auch mittelfristig „überkaufte“, technisch verfallende Lage des Marktes hin und merkt an, der Monat September habe aus historischer Sicht in 60 Prozent der Fälle Verluste beschert.

          Technologiewerte zählen nicht mehr zu den Zugpferden

          Konkret rät Bartels, jetzt die gleitenden Durchschnittswerte des S&P 500 von 10 und von 21 Tagen zu verfolgen. Sollte der 10-Tage-Durchschnitt den 21-Tage-Durchschnitt nach unten hin kreuzen, würde dies wohl bedeuten, dass sich die kurzfristige Dynamik des Marktes zum Negativen wenden könne. Mit Sorge betrachtet Bartels den chinesischen Aktienmarkt, der unter mittelfristigen Aspekten eingebrochen sei. Dies könne eine auch für die Wall Street geltende Warnung sein, zumal die meisten anderen Börsen in der Welt bald ebenfalls Gipfel erreichen dürften. Besorgt zeigt sie sich zudem darüber, dass die Technologiewerte nicht mehr zu den Zugpferden der Aufwärtsbewegung zählen und dass die institutionellen Anleger mit Blick auf Aktien nach der jüngsten Umfrage von BAS-ML mehrheitlich zu optimistisch erschienen.

          Jeffrey Saut, einer der auch technisch argumentierenden Strategen von Raymond James, diskutiert die Frage, ob der charttechnische Ausbruch des S&P 500 in der vergangenen Woche über die Marke von 1014 Punkten hinaus ein falsches Signal an die Haussiers gesandt haben könnte. Er bleibt zwar bei seinem Ziel von 1050 Zählern für diesen Index, hebt aber hervor, dass der im Juli entstandene Aufschwung inzwischen mehr als 30 Tage dauere. Damit sei das empirisch belegbare Maß für eine dynamische Aufschwungsphase überschritten. Der Markt befinde sich daher zweifellos in einem Stadium, in dem die Gier den Gang der Dinge bestimme. Saut rät Anlegern, sich entsprechend vorsichtig zu verhalten.

          Bei geeigneter Gelegenheit kaufen und verkaufen

          Zu den langfristigen Perspektiven hat sich dieser Tage Richard Arms, der Erfinder des Arms- oder Trin-Index, gegenüber Kathrin Welling von Weeden & Co. geäußert. Er erwartet, dass sich die amerikanischen Börsenindizes in den kommenden Jahren in einem breiten Band bewegen werden. In dieser Zeit dürfte eine neue Generation von Kapitalverwaltern darauf konditioniert werden, Aktien im Gegensatz zu ihrer bisherigen Methodik nicht mehr zu kaufen und zu halten, sondern bei geeigneter Gelegenheit zu kaufen und zu verkaufen. Wenn sich dieser Wandel vollzogen habe, könne eine weitere jahrelange Hausse entstehen, die diesen Anlegern beweisen würde, dass sie mit ihrer „neuen“ Haltung falsch liegen.

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