https://www.faz.net/-gv6-usxf

Aktienmarkt-Analyse : Säbelrasseln des Militärs belastet den türkischen Aktienmarkt

  • Aktualisiert am

Bild: Bloomberg

Die Krise um die Wahl eines neuen Staatspräsidenten hat einen Kurseinbruch an der Istanbuler Börse bewirkt. Und laut Marktexperten wird die Gefahr eines Militärputsches die kurzfristigen Kursaussichten bis auf weiteres begrenzen.

          4 Min.

          Die Spannungen um die Wahl des türkischen Staatspräsidenten haben die Kapitalmärkte des Landes in Unruhe versetzt. Nachdem die Armee drohte, die Wahl des Präsidentschaftskandidaten der konservativen Regierung, Abdullah Gül, zu blockieren, sackte die türkische Lira gegenüber Euro und Dollar um etwa vier Prozent ab.

          Das Aktienbarometer ISE National 100 brach im Verlauf um bis zu acht Prozent ein und auch aus dem Anleihenmarkt wurden Gelder abgezogen. Am Handelsende betrug das Minus an der Börse noch vier Prozent, was einem Verlust an Marktkapitalisierung von 7,8 Milliarden Dollar entspricht. Die Aktie des größten türkischen Kreditinstituts, Isbank, ging mit einem Abschlag von 6,4 Prozent auf 6,55 Lira aus dem Handel. Und die Koc Holding, das größte Unternehmen in der Türkei, büßte fünf Prozent auf 6,75 Lira ein. Bei der Lira stand im Verhältnis zum Dollar am frühen Abend noch ein Abschlag von 2,43 Prozent auf 1,3678 Dollar zu Buche.

          Bei einer Parlamentsabstimmung zur Wahl des neuen türkischen Präsidenten hatte Gül die nötige Mehrheit um nur zehn Stimmen verfehlt. Die Streitkräfte, die seit 1960 viermal amtierende Regierungen abgesetzt haben, werfen ihm islamistische Tendenzen vor. Die Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan heble im Rahmen der Präsidentschaftswahl die Trennung von Staat und islamischer Religion aus, erklärten die Militärs. In Sorge um den traditionell säkularen Staat protestierten am Sonntag hunderttausende Türken gegen die Präsidentschaftskandidatur des derzeitigen Außenministers. „Wir erfahren gerade das Dilemma der Demokratie“, sagte Fondsmanager Baris Sozen von Akbank TAS in Istanbul. „Die ausländischen Investoren haben so etwas nicht erwartet, deshalb reagieren sie.“

          Kritische Einschätzung der kurzfristigen Kursaussichten

          „Erstmals seit 2001 ist das politische Risiko so hoch und ausländische Investoren wenden sich dem Risikoprofil zu“, stellt Händler Mehmet Ilgen von Ata Invest fest. Fondsmanager Viktor Broczko von Progressive Developing Markets in London zeigt sich ebenfalls besorgt. Noch sei es jedoch zu früh, um zu entscheiden, ob sich ein Verkauf türkischer Investments anbiete oder die Chance zum Einstieg ergriffen werden sollte.

          Die meisten anderen Experten vor Ort, bei denen wir uns über die Lage informiert habe, rieten dagegen meistens eindeutig zur Zurückhaltung. So hieß es beim Broker Oyak Securities: „Wir werten das Ganze nicht als eine Kaufgelegenheit. Vielmehr hat sich durch die jüngste Entwicklung das Risikoprofil der Türkei deutlich erhöht und die Anleger dürften künftig deutlich defensiver agieren.“

          Als ein möglicher Ausweg und mit als die beste Lösung werden in der Regel baldige Neuwahlen gesehen. „Vorgezogene Wahlen sind derzeit die einzige Hoffnung, weil sie die Spannungen vielleicht etwas entschärfen würden“, hoffen zumindest die Analysten bei EFG. Und bei Raymond Securities heißt es zu diesem Thema: „Wir rechnen mit Neuwahlen in den kommenden drei bis vier Monaten. Das ändert aber nichts daran, dass sich kurzfristig die Lage deutlich eingetrübt hat. Bis es zu den Wahlen kommt, dürfte es ratsam sein, die Gewichtung türkischer Aktien zurückzufahren.“ Ähnlich sieht man das auch bei der Finansbank („Die politischen Unsicherheiten dürften eine Zeit lang auf dem Markt lasten.“) und bei Morgan Stanley (Die Einmischung des Militärs unterminiert die EU-Anstrengungen der Türkei. Ausländer, aber auch Inländer, dürfte es bevorzugen, ihr Geld dort anzulegen, wo Gesetze nicht in Frage gestellt werden.“)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der amerikanische EU-Botschafter Gordon Sondland vor einer Anhörung im Kongress

          Trumps Präsidentschaft : Erst Spender, dann Botschafter

          Ein Drittel aller von Donald Trump nominierten Botschafter scheint sich vor allem durch eines auszuzeichnen: großzügige Spenden an die Republikaner. Allerdings hat auch sein Vorgänger Barack Obama schon gerne Großspender in den diplomatischen Dienst berufen.
          Mal wieder Münchner Mitarbeiter des Abends: Robert Lewandowski

          3:2 in Piräus : Bayern retten sich ins Ziel

          Die Bayern geraten bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand und unter Druck – aber auf Torjäger Lewandowski ist Verlass. Für die Münchner Abwehr gilt das beim 3:2-Sieg schon wieder nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.