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Aktienmärkte : Erholungsrally mit zweifelhafter Substanz

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Bild: Sarasin

Nach einer eher depressiven Stimmung in den vergangenen Wochen scheint sich die Wahrnehmung der Anleger innerhalb kürzester Zeit ins Gegenteil verkehrt zu haben. Skeptiker zweifeln an der Nachhaltigkeit kurzfristiger Erholungsbewegungen.

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          Nach einer eher depressiven Stimmung in den vergangenen Wochen scheint sich die Wahrnehmung der Anleger innerhalb kürzester Zeit ins Gegenteil verkehrt zu haben. Von heute auf morgen werden hereinkommende Unternehmens- und Konjunkturzahlen hoch positiv interpretiert und zur Untermahlung überaus optimistischer Szenarien genutzt.

          Das führt in einem Umfeld, das sich noch kurz zuvor durch sehr pessimistische Szenarien auszeichnete, zumindest kurzfristig zu deutlichen Gegenbewegungen zu teilweise extremen Positionierungen. Hatten die Wetten auf einen weiteren Fall des Eurokurses gegen den Dollar in den vergangenen Tagen noch Niveaus erreicht, die nie zuvor gesehen worden waren, so werden die nun rasch gedreht. Das führt dazu, dass sich der Euro gegen den Dollar rasch und deutlich erholen kann.

          Kurzfristige Gegenbewegungen zu mittelfristigen Trends aus technischen Gründen

          Das führt auch im Energie- und Rohstoffbereich kurzfristig wieder zu steigenden Preisen. Mit 72,40 Dollar je Fass Öl der Sorte WTI liegt der Ölpreis am Donnerstag wieder 13 Prozent über dem in den vergangenen Tagen markierten Zwischentief von 64,27 Dollar. Der kurzfristige Preisauftrieb, der sich ähnlich wie beim Euro aus technischen Bewegungen ableitet, ist beachtlich.

          Selbst an den Börsen ist der allgemeine Optimismus wieder zurückgekehrt. Die Stimmung am deutschen Aktienmarkt hat sich laut der neuen Umfrage von Cognitrend gedreht und ist optimistisch geworden. Verglichen mit der Umfrage zur Mitte vergangener Woche nahm der Anteil der „Bullen“ um 23 Prozentpunkte zu auf 53 Prozent und erreichte damit den dritthöchsten Stand des Jahres. Der Anteil der „Bären“ ging um 21 Prozentpunkte zurück auf 24 Prozent, der Anteil der neutral eingestellten Anleger um 2 Prozentpunkte auf 23 Prozent.

          Es sei überraschend, dass angesichts der Nachrichtenlage viele Anleger auf die Bullenseite gewechselt seien, erklärt Joachim Goldberg in einer Bewertung der Entwickung. Angesichts des Wochenverlusts von 4,6 Prozent sei die Frage, wer auf der Verkäuferseite stehe. Sollte sich internationales Kapital zurückziehen, könnten die neuen Optimisten auf sich allein gestellt sein und zu einer Belastung für den Dax werden, warnt der Sentiment-Analyst allerdings.

          Allerdings geben sich selbst institutionelle Anleger optimistisch. Barton Biggs, ein Hedge-Fondsmanager aus New York, erklärt den Markt für „überverkauft“ und rechnet mit deutlichen Kursgewinnen innerhalb weniger Tage. Die europäischen Probleme seien beachtlich, erklärt er. Allerdings rechnet er nicht damit, dass Alptraumszenarien realisiert werden. Mark Mobius, legendärer Schwellenländer-Fondsmanager mit verwalteten Mitteln in Höhe von 34 Milliarden Dollar, erklärt, Aktien in Brasilien, Russland, Indien und China zu kaufen. Sie seien günstig, während die Kursverluste der vergangenen Woche allenfalls eine Korrektur in einem Bullenmarkt darstellten.

          Skeptischer Blick auf die fundamentale Lage in den Industriestaaten

          Zu dieser Einschätzung scheinen die kurzfristigen Kursverluste an den Rentenmärkten der als überaus sicher betrachteten Staaten wie Deutschland und den Vereinigten Staaten zu passen. Sie hatten allerdings in den vergangenen Wochen der Panik unheimliche Kursgewinne verzeichnet, so dass in den Augen von Experten Gewinnmitnahmen nur normal erscheinen. Der Bund-Future hat in den vergangenen beiden Tagen allerdings gerade einmal knapp ein Prozent seines Wertes verloren.

          Fundamentale Gründe lassen allerdings die skeptische Frage zu, wie weit eine Kurserholung dieser Art wird tragen können. Denn die Schulden- und Strukturkrise ist noch lange nicht vom Tisch. Nachdem Konsumenten, Unternehmen und öffentliche Institutionen in den Industriestaaten - vor allem in Europa und den Vereinigten Staaten - über Jahrzehnte finanziell über ihre Verhältnisse lebten, ist nach Erreichen einer natürlichen Verschuldungsgrenze im Rahmen einer letzten keynesianischen Ausgabenorgie auf Pump eine Konsolidierung unvermeidlich (siehe auch: Manche Staaten nähern sich der „Schuldensättigung“). Die notwendige Rückführung der Schulden kann das Wachstum in diesen Regionen für lange Zeit bremsen.

          Davon dürften sich die Schwellenländer wirtschaftlich kaum abkoppeln können, da sie in den vergangenen Jahren darauf ausgerichtet waren, einen großen Teil ihrer Waren und Dienstleistungen direkt oder indirekt in die Industriestaaten zu liefern. Bleibt dort die wirtschaftliche Dynamik nach dem Auslaufen von Stimulierungsmaßnahmen aufgrund der notwendigen Sparmaßnahmen gering, geht die Nachfrage nach Produkten aus den Überschussstaaten zurück und indirekt auch jene nach Energie und Rohstoffen.

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