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Börse : Warum Aktienkurse plötzlich abstürzen

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Plötzlich abwärts Bild: dpa

Schlechte Nachrichten drücken den Aktienkurs – das ist bekannt. In den vergangenen Wochen aber sind einige Unternehmen regelrecht abgestürzt. Dafür gibt es Gründe.

          3 Min.

          Wenn ein Unternehmen seine Gewinnprognose kappt, fällt die Aktie. So weit, so normal. Doch während Papiere in der Vergangenheit um sechs oder sieben Prozent nachgaben, liegen die Kurseinbrüche inzwischen immer öfter im zweistelligen Bereich. Die Aktien des Kabelherstellers Leoni verloren am Dienstag zeitweise 38 Prozent, die des Medizintechnikkonzerns Drägerwerk am Mittwoch 20 Prozent. Bereits Mitte September erwischte es die Modefirma Tom Tailor, deren Papiere in der Spitze um 22 Prozent fielen.

          „Mit einer sachlichen Bewertung hat das oft nichts mehr zu tun“, sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank. Wer nach Gründen für die heftigen Ausschläge sucht, bekommt eine Vielzahl von Einflussfaktoren präsentiert, die sich in den vergangenen sechs bis acht Wochen gegenseitig verstärkt haben.

          Häufig genannt wird die Unsicherheit an den Märkten. Anleger sorgen sich um die geplante Zinserhöhung in den Vereinigten Staaten, die Folgen des VW-Skandals und die weltweite Konjunktur. „Die Abschwächung der Wirtschaft in China und anderen Schwellenländern ist für viele exportstarke deutsche Unternehmen eine Gefahr“, sagt Finanzmarkt-Experte Michael Koetter von der Frankfurt School of Finance. „Wenn es dann eine negative Nachricht in Form einer Prognosesenkung gibt, vermischt sich das mit der Sorge um die Entwicklung wichtiger Absatzmärkte.“

          Anleger sind nervös

          Wegen der großen Nervosität und einiger anstehender Börsengänge hielten langfristig orientierte Profi-Anleger derzeit tendenziell weniger Aktien, sagt ein Marktbeobachter. „Und wenn die langfristigen Investoren auf ihrem Geld sitzen, haben Hedgefonds die Möglichkeit, mit kleinen Aktienpaketen relativ große Ausschläge herbeizuführen.“ Das wird auch dadurch erleichtert, dass Großbanken am Aktienmarkt nicht mehr so aktiv sind wie in der Vergangenheit.

          Nach der Finanzkrise und der Einführung härterer Kapitalregeln haben viele Häuser den Eigenhandel eingestellt. Auch als Marktpfleger, so genannte „Market Maker“, die größere Kursausschläge dadurch verhindern, dass sie Aktien auf die eigenen Bücher nehmen, betätigen sich immer weniger Institute. „Market Maker spielen eine deutlich weniger wichtige Rolle als zuvor“, sagt Henning Gebhardt, Aktienchef der Deutsche-Bank -Vermögensverwaltung. In der Folge fehle es deshalb bei manchen Titeln an Liquidität, um Aktien zu stabilen Preisen zu verkaufen, erklärt Volkswirt Hellmeyer.

          Finanzprofessor Koetter hat zudem den Eindruck, dass Versicherungen und Pensionsfonds heute stärker auf automatisiertes Handeln setzen - und deshalb weniger geduldig sind. „Früher waren langfristige Investoren passiver, jetzt werden sie aktiver. Sie zucken schneller.“ Hochfrequenzhändler, die bei Kurseinbrüchen regelmäßig in Verdacht geraten, sind aus Koetters Sicht dagegen nicht verantwortlich für die hohen Ausschläge der letzten Wochen. „Im Hochfrequenzhandel hat sich in den vergangenen fünf Jahren nicht schrecklich viel getan.“

          Auch ETFs haben Einfluss

          Die Deutsche Börse misst die Lage an ihren Märkten mit dem Xetra Liquiditätsmaß (XLM). Es gibt an, wie groß die Spanne zwischen An- und Verkaufskurs ist, wenn zeitgleich fiktive Kauf- und Verkaufsorders für den Dax abgegeben werden. „Unsere Messungen zeigen, dass sich die Marktqualität und damit auch die Liquidität im Gesamtmarkt in den vergangenen Jahren verbessert hat“, sagt ein Konzernsprecher. Ihm zufolge ist es jedoch schwierig, Werte aus der dritten oder vierten Reihe in einer Größenordnung zu verkaufen, die weit über dem liegt, was in diesen Werten durchschnittlich am Tag gehandelt wird. „Das ist ein Problem, aber das war schon immer so.“

          Der Konzern betont zudem, dass es einen Trend zu passiven Investments gebe. Immer mehr Anleger stecken ihr Geld in börsennotierte Indexfonds (ETFs), die beispielsweise den Dax oder den EuroStoxx abbilden. „In der Folge gibt es weniger Investoren, die an Einzelaktien festhalten oder sie kaufen, wenn sie die Papiere für unterbewertet halten.“ Andererseits verkaufen die ETFs aber auch bei schlechten Nachrichten keine Aktien.

          Die Strategien vieler Anleger seien heute sehr ähnlich, betont Deutsche-Bank-Manager Gebhardt. „Das macht es schwer, dagegen zu steuern, wenn man sich gegen den Trend stellen will.“

          Den Unternehmen bleibt nicht viel anderes übrig, als die Kursausschläge zu ertragen. In Krisenzeiten sei es besonders wichtig, regelmäßig mit Investoren zu sprechen, sagt der Investor-Relations-Chef eines großen deutschen Konzerns. Dass es seit einiger Zeit auch bei Dax-Werten zu höheren Ausschlägen komme, lasse sich dadurch aber nicht verhindern. Leoni hält den kräftigen Kurseinbruch am Dienstag für unerklärlich. Beklagen will sich der Nürnberger Konzern darüber aber nicht, wie ein Sprecher betonte. „Wir haben den Markt enttäuscht, bei einer Gewinnwarnung liegt das in der Natur der Sache.“

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