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Aktienkurse unter Druck : Bilanzsaison belastet Wall Street

Bild: Thompson Financial Datastream

Die Prognosen für die Gewinne amerikanischer Unternehmen fallen weiter. Finanzwerte und zyklische Konsumtitel stehen unter Druck. Trotz der massiven Staatshilfen für Banken wird nicht mit einer raschen Erholung der Finanzmärkte gerechnet.

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          Die enttäuschend ausgefallene Bilanzsaison sorgt an der Wall Street für andauernde Unsicherheit. Am Dienstag gerieten insbesondere konjunkturabhängige Konsumtitel unter Druck, nachdem der Kaffeeröster Starbucks und das Hausbau-Unternehmen Toll Brothers die Prognosen der Analysten verfehlten. Der Vorstandschef von Toll Brothers, Robert Toll, bezeichnete es angesichts der konjunkturellen Unsicherheit als schwierig, für das nächste Jahr überhaupt einen Gewinn vorherzusagen.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          In Wall Street gab der Leitindex Dow Jones bis zum späten Vormittag Ortszeit um 3 Prozent nach. Im Schlepptau gingen auch die europäischen Aktienkurse auf Talfahrt. Der Index Eurostoxx 50 für die wichtigsten Titel im Euro-Raum lag daraufhin kurz vor Handelsschluss 5 Prozent im Minus, der Dax sogar 5,2 Prozent niedriger auf 4770 Punkten.

          An der Wall Street haben bis jetzt mehr als vier Fünftel der im breit gefassten Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen ihre Ergebnisse für das dritte Quartal vorgelegt. Nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Reuters rechnen Analysten derzeit im Durchschnitt mit einem Rückgang der Gewinne von rund 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit sind die Quartalsgewinne an der Wall Street zum fünften Mal in Folge gefallen. Zuletzt war das in der Rezessionsphase von 2001 bis 2002 der Fall.

          Mit rascher Erholung wird nicht gerechnet

          Die Prognosen für das Endergebnis haben in den vergangenen Wochen kontinuierlich nachgegeben. „Der Rückgang der Wachstumsrate in der vergangenen Woche geht auf reduzierte Prognosen und schwächer als erwartete Ergebnisse für einige Finanzwerten zurück“, schreibt John Butters, der bei Thomson Reuters für die Analyse amerikanischer Unternehmensgewinne verantwortlich ist. Besonders unter Druck geraten ist der Aktienkurs der Bank Goldman Sachs, nachdem Analysten die künftige Ertragskraft des führenden Wall-Street-Hauses in Frage gestellt hatten.

          Analyst Roger Freeman von der Bank Barclays Capital prognostizierte für Goldman einen Verlust im laufenden Quartal. Freeman glaubt, dass die schwache Börse die Erträge von Goldman belasten wird. Der Aktienkurs von Goldman war am Montag auf den tiefsten Stand seit fünfeinhalb Jahren gefallen. „Der Kursverlust illustriert die Tatsache, dass Goldman nicht immun zu den Themen ist, die in den vergangenen 18 Monaten Finanzinstitut um Finanzinstitut geplagt hatten“, sagte Freeman. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass Goldman Sachs 10 Prozent der Belegschaft entlassen wird. Das wurde an der Wall Street als Signal verstanden, dass die Spitzenmanager von Goldman trotz der massiven Staatshilfen für Banken nicht mit einer raschen Erholung der Finanzmärkte rechnen.

          Regierungsprogramme nötig

          Der Chefvolkswirt von Goldman Sachs, Jan Hatzius, hält unterdessen dringend weitere staatliche Regierungsprogramme für nötig, um eine tiefe Rezession zu vermeiden. Hatzius bezifferte die weltweiten Verluste für Banken und Volkswirtschaften im Zuge der Finanzkrise auf 1,4 Billionen Dollar. Davon seien bislang lediglich 800 Milliarden Dollar bekannt.

          Den nach Banken zweitgrößten Gewinnrückgang im dritten Quartal verbuchten an der Wall Street die zyklischen Konsumwerte, zu denen neben Hausbauunternehmen oder Einzelhändlern auch Autohersteller gehören. Der Aktienkurs des größten amerikanischen Autoherstellers General Motors (GM) war am Montag auf den tiefsten Stand seit 60 Jahren gefallen. GM hatte gewarnt, dass die Barmittel im ersten Quartal unter das nötige Minimum fallen könnten.

          Rückgang der Unternehmensgewinne

          Für das vierte Quartal rechnen Analysten aber immer noch mit einer Erholung der Gewinne. Die Auguren haben ihre Prognosen zwar schon zurückgenommen. Aber manche Marktbeobachter glauben, dass die durchschnittlichen Prognosen immer noch zu optimistisch sind. Analysten kalkulieren für das kommende Jahr derzeit mit einer Gewinnsteigerung für die S&P 500-Unternehmen von 13 Prozent. Sollte sich die Konjunktur bis Ende des ersten Quartals in einer Rezession befinden, wäre das allerdings unwahrscheinlich.

          Analysten an der Wall Street geben in Krisenzeiten häufig zu positive Prognosen ab. In den drei vergangenen Rezessionen überschätzten die Analysten die Gewinnentwicklung um durchschnittliche 30 Prozent bis 35 Prozent, sagt Michael Darda, Chefökonom bei der Analysegesellschaft MKM Partners. Der Grund: Branchenanalysten klammern oft konjunkturelle Entwicklungen bei ihren Gewinnschätzungen für Unternehmen aus. Ökonom Darda ist deutlich pessimistischer. Er rechnet im kommenden Jahr mit einem weiteren Rückgang der Unternehmensgewinne um 13 Prozent.

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