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Aktienbörsen : Chinas Börse hängt am Staatstropf

  • Aktualisiert am

Aktienhandel in China (Hongkong) Bild: AFP

Chinaphantasie sorgte in den vergangenen Monaten zusammen mit extremen fiskalischen und monetären Impulsen zu optimistischen Wachstumserwartungen und zur Rückkehr des Risikoappetits der Anleger. China jedoch scheint überschätzt zu werden.

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          Zusammen mit massiven Kursgewinnen in kurzer Zeit ist an den Finanzmärkten allgemeiner Optimismus eingekehrt. Er leitet sich ab aus überaus positiv interpretierten Konjunktur- und Unternehmenszahlen. Sie deuteten darauf hin, dass sich die Weltwirtschaft rasch und deutlich aus der Krise der vergangenen Monate herausarbeiten könne, heißt es gemeinhin.

          Ein beachtlicher Teil dieser Phantasie ist auch auf China zurückzuführen. Das asiatische Land sei erst gar nicht richtig in die Krise geraten und sei in den vergangenen Monaten unter anderem wegen großer fiskalischer Stimulierungspakete und einer überaus generösen Geldpolitik überproportional gewachsen, so der allgemeine Tenor. Das Wachstum dort habe die Nachfrage nach Energie und Rohstoffen beflügelt und die Preise oben getrieben. Es führe aber auch dazu, dass ausländische Unternehmen in China wieder gute Geschäfte machen könnten. Über diese Schienen würde die Weltwirtschaft angekurbelt werden.

          Chinesisches Wachstum hängt an Staatsausgaben und ist einseitig

          Tatsächlich sah und sieht die Lage nach offiziellen Zahlen allerdings keineswegs so beeindruckend aus, wie sie gerne dargestellt wird. Das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes Chinas ging von 13 Prozent im März 2007 auf bis zu sechs Prozent ersten Quartal des laufenden Jahres zurück. Im zweiten hat es sich zwar auf knapp acht Prozent erholt und im dritten nach aktuellen Schätzungen weiter beschleunigt.

          Bild: ANZ

          Allerdings haben sich die Exporte des Landes kaum vom drastischen Rückschlag erholt und lagen noch im August 23,4 Prozent unter dem Niveau der Vorjahresperiode, während sich die Importaktivitäten sich vor allem aufgrund von Rohstoffimporten belebten und im August noch sieben Prozent unter dem Vorjahresniveau lagen. Kritische Analysten leiten daraus die Vermutung ab, in China würden Rohstoffe en masse gehortet. Denn auch die Industrieproduktion lag im August mit plus acht Prozent (seit Jahresbeginn) unter dem Vorjahresniveau, nachdem sie in den Jahren 2004 bis 2007 Wachstumsraten von zwischen 16 und 18 Prozent erreicht hatte.

          Auch die Unternehmensgewinne können nicht zum Börsenboom beigetragen haben, der den Shanghai-Composite-Index von November des vergangenen bis in den August des laufenden Jahres hat sich verdoppeln lassen. Denn die industriellen Gewinne der chinesischen Unternehmen haben in den vergangenen Monaten nicht zu-, sondern abgenommen. Entsprechend deutlich sind die chinesischen Aktien überbewertet, obwohl ihre Kurse nun schon seit Wochen stagnieren. Dagegen dürfte die Geldpolitik eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Denn ihre Wachstumsrate erreichte in den vergangenen Monaten extreme Werte von bis zu knapp 30 Prozent noch im September. Das Bruttoinlandsprodukt lag im dritten Quartal mit 8,9 Prozent über den 7,9 Prozent im zweiten und den 6,1 Prozent im ersten Quartal. Allerdings noch deutlich unter dem mehrjährigen Spitzenwert von 13 Prozent vom März des Jahres 2007.

          Börsenboom ist auf extreme Geldpolitik zurückzuführen

          Das kräftige Kreditwachstum in China sei größtenteils auf staatliche Hilfsmaßnahmen zurückzuführen, heißt es logischerweise. Auch die Konjunkturerholung wurde von staatlichen Ausgabenprogrammen im Volumen von 4 Billionen Yuan oder umgerechnet knapp 400 Milliarden Euro angeschoben. Wenn die Programme nächstes Jahr enden, müsse China Wege finden, die Konjunktur ohne staatliche Hilfen am Laufen zu halten, erklären nun Experten.

          „Das war ein Wachstum mit Hilfe von Steroiden“, erklärt Michael Pettis, Professor für Finanzen an der Universität Peking. „Die Frage ist nun, wie können sie aufhören, so viel Geld ins System zu pumpen, ohne das Wachstum stark zu drücken.“ Das Wirtschaftswachstum in China ist auch nach Schätzungen der Weltbank zu vier Fünfteln auf staatliche Stützungsmaßnahmen zurückzuführen. Diese haben die rekordhohe Eisenerzproduktion bei Rio Tinto und den chinesischen Autoabsatz von Volkswagen künstlich angeheizt. Ein Ende der Hilfsmaßnahmen werde möglicherweise zu heftigen Kursturbulenzen an der Börse führen. Schon nur ein leichter Rückgang beim Kreditwachstum im Juli schickte den Shanghai Composite Index im August bereits 20 Prozent nach unten.

          Aber es sei auch gefährlich, zu lange am Staatstropf zu hängen, sagt die Asiatische Entwicklungsbank. Dann bestehe die Gefahr, dass zu viel Geld in Aktien und Immobilien fließen, die Qualität der Bankenaktiva nachlasse und der Inflationsdruck zunehme. „Ein solches Szenario könnte mittelfristig zu einer Runde aggressiver monetärer Straffung führen, die das Wachstum wieder nach unten ziehen würde“, so das Institut.

          Dank der Stützungsmaßnahmen, die den Kreditboom, den Autoabsatz und die Immobilienverkäufe angeschoben haben, dürfte die chinesische Wirtschaft im vierten Quartal um 11,2 Prozent wachsen, schätzt die Deutsche Bank AG. Im zweiten Quartal war die Wirtschaft mit 7,9 Prozent gewachsen, die erste Beschleunigung seit den letzten drei Monaten 2006.

          Investitions- und Immobilienblase wahrscheinlich

          Etwa 50 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts waren im ersten Halbjahr auf den Kreditboom zurückzuführen. Dieser hatte auch die staatlichen und privaten Investitionen in Fabriken und Immobilien in den ersten acht Monaten um 33 Prozent nach oben getrieben und dazu beigetragen, das Vertrauen der Anleger in Aktien und Immobilien nach der Finanzkrise wiederherzustellen. Der Shanghai-Index ist dieses Jahr um 69 Prozent geklettert.

          Von der anziehenden Konjunktur profitierte auch Volkswagen. Der deutsche Autobauer setzte im vergangenen Monat 150.000 Autos in China ab, ein neuer Monatsrekord. Nachdem die Regierung die Umsatzsteuer halbiert und ländlichen Bewohnern 5 Milliarden Yuan an Subventionen für den Kauf von Autos zur Verfügung gestellt hat, sind die Verkaufszahlen in den ersten neun Monaten um 37 Prozent nach oben geschnellt. „China ist die Konjunkturlokomotive der Welt“, sagte Detlef Wittig, Leiter Konzernvertrieb bei VW in einem Interview am 25. September. „Der Mobilitätsbedarf scheint grenzenlos zu sein.“

          Die Auswirkungen der staatlichen Hilfsmaßnahmen werden jedoch ab Mitte 2010 nachlassen, sie werden dann nur noch halb so stark sein wie in diesem Jahr, erwartet Wang Tao, Ökonom bei UBS AG in Beijing. Um die Abhängigkeit von investitionsgetriebenem Wachstum zu reduzieren, rät die Weltbank dazu, die Ausgaben für Gesundheit, Schulbildung und Sozialhilfe zu erhöhen. Das würde den unteren Einkommensschichten helfen und ihren Konsum anschieben.

          Notwendige Reformen auf die lange Bank geschoben

          Außerdem solle China mehr Mittel für kleine und mittelgroße Unternehmen zur Verügung stellen und mehr Flexibilität bei einer Aufwertung des Yuan zulassen, was die Importe verbilligen würde. „Das Wachstum in der chinesischen Wirtschaft aufrecht zu halten, ist sehr wichtig, damit Arbeitsplätze entstehen und soziale Instabilität vermieden wird“, erklärte Yolanda Fernandez Lommen, Chef-China-Ökonomin bei ADB. „Der einfache Teil ist vorüber. Die echte Herausforderung liegt noch vor ihnen.“

          Durch die Entwicklung des Dienstleistungssektors und einen leichteren Zugang zu Konsumprodukten und Krediten könnte China bis 2025 den Binnenkonsum um 2,2 Billionen Dollar steigern - mehr als Frankreichs BIP - hat McKinsey Global Institute errechnet. Einige Bereiche der Wirtschaft, beispielsweise die Nettoexporte oder der Wohnungsbausektor, dürften sich als neue Wachstumstreiber herauskristallisieren, auch wenn die Hilfsmaßnahmen und die Kreditvergabe weniger werden.

          China müsse sich auch noch an niedrigere durchschnittliche Wachstumsraten gewöhnen, da die Exportnachfrage aus dem Westen nachlasse. Die Weltbank schätzt, dass die Wachstumsrate von durchschnittlich 10 Prozent aus dem vergangenen Jahrzehnt um zwei Prozentpunkte niedriger ausfallen dürfte. „Die Regierung hat schwere und schmerzliche Reformen verschoben“, sagt Fernandez Lommen. „Sie steht vor einer großen Aufgabe.“

          Insgesamt dürfte man alle Märkte kritisch betrachten müssen, die auf künstliche Nachfrage in Form von Subventionen, lockeren Geldpolitiken und administrierten Preise angewiesen sind. Denn solche Politiken sind in der Regel nicht effizient, damit nicht nachhaltig und entsprechend risikobehaftet.

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