https://www.faz.net/-gv6-x2uw

Aktienbörsen : Angst vor restriktiver Geldpolitik belastet Kurse

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Commerzbank, Thomson Financial Detastream

Teures Öl, hohe Inflation und die Fortdauer der Finanzkrise belasten die Aktienmärkte. In der schlechten Stimmung sehen viele Marktbeobachter Chancen für steigende Kurse.

          2 Min.

          Der chinesische Leitindex CSI 300 ist am Dienstag um 8 Prozent auf 3207 Punkte gefallen - den tiefsten Stand seit Februar 2007. Auch an den anderen Börsenplätzen ging es abermals nach unten. Der Deutsche Aktienindex Dax büßte 0,7 Prozent auf 6771 Punkte ein und bewegte sich damit im allgemeinen europäischen Trend. Der Dow-Jones-Index schloss wenig verändert mit 12.290 Punkten.

          Die Märkte werden von der Befürchtung belastet, dass der hohe Ölpreis die Inflation weiter steigen lässt und so die Notenbanken zu einer restriktiveren Geldpolitik zwingt. Käme es dazu, würde dies das Wirtschaftswachstum bremsen, da Kredite teurer würden; das wiederum würde auch die Unternehmensgewinne und Aktienkurse belasten. Am Dienstag gaben die Ölpreise zunächst um mehr als 2 Dollar nach.

          Zentralbanken sorgen für Missmut

          Der starke Kursrutsch in China hatte seine Ursache in der Ankündigung der chinesischen Zentralbank, die Mindestreservesätze der Banken in zwei Schritten im Juni auf 17,5 Prozent zu erhöhen. Dies dürfte den Märkten rund 40 Milliarden Euro an Liquidität entziehen, schätzen Beobachter. Begründet wird die Maßnahme mit der Inflation, die in China im April eine Jahresrate von 8,5 Prozent erreichte und im Mai kaum niedriger gelegen haben dürfte.

          Aber auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat angesichts der hohen Inflation einer Zinserhöhung im Juli das Wort geredet. Auch von der amerikanischen Notenbank Federal Reserve werden nach den jüngsten Äußerungen ihres Chefs Ben Bernanke Leitzinserhöhungen für möglich gehalten, vielleicht schon recht bald.

          All dies wird an den Aktienmärkten mit Missmut zur Kenntnis genommen und lässt sogar die meist zum Kauf von Aktien ratenden Vermögensverwalter pessimistischer werden. „Wir sehen derzeit keinen Treiber, der die Aktienmärkte wieder voranbringen könnte“, sagt Frank Fiedler, Portfoliomanager der Vermögensverwaltung Lingohr. „Die Gewinnschätzungen insbesondere in Europa sind noch viel zu hoch, so dass die Anleger ihre Aktienquote besser zurückfahren sollten.“ Erst nach dem Sommer erwartet er mit Blick auf das Jahr 2009 eine Entspannung an den Aktienmärkten.

          Alles halb so schlimm

          „Ich würde mit dem Einstieg noch ein bisschen warten“, sagt auch Vermögensverwalter Georg Thilenius. „Die restriktive Geldpolitik in China bremst deren Wachstum, und wir haben ja eigentlich gehofft, dass China für die schwächelnde amerikanische Nachfrage in die Bresche springt.“ Thilenius hält daher einen Test der Jahrestiefststände an den Aktienmärkten für möglich. „Sollten wir den Test bestehen, dürfte es aber kräftig aufwärtsgehen.“ Thilenius setzt dabei auf günstig bewertete große Industrietitel wie Daimler oder Siemens.

          Vermögensverwalter Gottfried Heller rät dagegen jetzt bereits zum Einstieg: „Die Bewertungen sind günstig, und außer bei den Finanzwerten ist die Gewinnentwicklung positiv.“ Er rechnet auch höchstens mit geringen Zinserhöhungen der EZB. „Sie wird nicht den großen Knüppel herausholen, um das Biest Inflation totzuschlagen“, sagt Heller. „Dabei würde sie nämlich die Konjunktur gleich mit erledigen. Zudem bezeichnet die EZB das Finanzsystem derzeit selbst noch als fragil.“

          In der jüngsten Schwächephase der Aktienmärkte sieht Andreas Hürkamp, Aktienstratege der Commerzbank, Kaufgelegenheiten für die Anleger: „Der Pessimismus ist in den letzten Tagen so stark gestiegen, dass man schwache Tage zum Aktienkauf nutzen sollte.“ So sei das Konsumentenvertrauen in den Vereinigten Staaten zum sechsten Mal in 40 Jahren unter den Wert von 60 Punkten gefallen. In den bisherigen fünf Fällen sei es an den Aktienmärkten anschließend jedes Mal deutlich nach oben gegangen.

          Hürkamp erwartet für das zweite Halbjahr bessere Wirtschaftsdaten aus den Vereinigten Staaten, die eine Erholung der Aktienkurse dort auslösen sollten. „Wir sehen auffällige Parallelen zur Entwicklung während der amerikanischen Rezession Anfang der neunziger Jahre. Daher sind wir vor allem für amerikanischen Aktien optimistisch“, sagt Hürkamp. „Die Anleger sollten aber auch hierzulande die niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnisse von rund 10 zum Einstieg nutzen.“

          Weitere Themen

          Optimisten am Zug

          Aktienmarkt : Optimisten am Zug

          Der Aktienmarkt zeigt sich am Dienstag abermals von seiner freundlichen Seite. Es dominieren die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Krise.

          Topmeldungen

          Das Kapitol in Washington

          Washington : Kongress beschließt Sanktionen gegen China

          In der chinesischen Provinz Xinjiang sind laut Menschenrechtsaktivisten mehr als eine Million Uiguren und andere Muslime in Haftlagern eingesperrt. Nun will Amerika die Regierung in Peking dafür bestrafen.
          Einer lernt noch schreiben, einer kann es schon.

          Corona und Gleichstellung : Wir erleben keinen Rückschritt

          Allerorten wird erzählt, durch Corona fielen die Geschlechter zurück in die fünfziger Jahre. Viele Familien erleben das gerade ganz anders. Die Erzählung vom Rückfall ist nicht nur für sie die falsche Geschichte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.