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Aktien : Trotz Höchstständen keine Partystimmung

Stimmt zuweilen nachdenklich: Ein Trader betrachtet die Entwicklung des Dow Jones Bild: AFP

Der Dow Jones ist auf Rekordhoch. Doch Aktienstrategen und Investoren zeigen sich eher verhalten: Die realen Unternehmensgewinne entsprächen dem nicht. Das Dax-Hoch wird schon positiver gesehen.

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          Börsianer an der Wall Street lieben in der Regel runde Zahlen. Als der Dow-Jones-Index im März 1999 das erste Mal in den fünfstelligen Bereich vorstieß, wurden Baseballkappen mit der Aufschrift „Dow 10.000“ produziert, und sogar der damalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani ließ sich haussetrunken mit der Mütze fotografieren. Jetzt steht der populäre Aktienindex für amerikanische Standardwerte unmittelbar vor einer neuen runden Wegmarke. Am Dienstag schloss der Dow Jones mit einem Plus von 0,8 Prozent auf 16.956 Punkten, nachdem er im Handelsverlauf schon ganz knapp an der 17.000-Punkte-Marke gescheitert war. Am Mittwoch eröffneten die amerikanischen Aktienmärkte mit minimalen Kursaufschlägen.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Eine Partystimmung wie 1999 will an der Wall Street trotz der Rekordjagd dennoch nicht aufkommen. Die aktuelle Hausse, die kurz nach dem Höhepunkt der Finanzkrise im März 2009 begonnen hatte, dauert nun schon mehr als fünf Jahre, und Anleger sind sich nicht sicher, wie lange der Anstieg noch dauern wird. Die Prognosen vom Jahresanfang haben die Aktienkurse jedenfalls schon übertroffen. Für das breiter gefasste Aktienbarometer S&P 500 hatten die Auguren an der Wall Street im Durchschnitt 1950 Punkte am Jahresende prognostiziert.

          Die Kurse würden von niedrigen Leitzinsen gestützt

          Der S&P 500 notiert mittlerweile aber schon bei mehr als 1.970 Punkten – ein Plus von fast 7 Prozent seit Anfang Januar. Der Dow, der sich langfristig ähnlich entwickelt wie der S&P 500, liegt in diesem Jahr allerdings nur um etwas mehr als 2 Prozent im Plus. Die Differenz geht zum Teil auf die positive Kursentwicklung des Elektronikkonzerns Apple zurück, dessen Kurs in diesem Jahr schon um rund 17 Prozent geklettert ist. Apple ist zwar ein Schwergewicht im S&P 500. Im Dow Jones ist der Titel aber bis jetzt nicht vertreten.

          „Je mehr der amerikanische Aktienmarkt steigt, desto weniger enthusiastisch werden wir“, sagte Fondsmanager Ben Inker vom Vermögensverwalter GMO dem „Wall Street Journal“. Inker hat die Aktienanteile in einem großen Fonds etwas zurückgefahren. Mit einem starken Rückschlag rechnet Inker wie die meisten Börsianer an der Wall Street aber nicht. Gestützt werden die Aktienkurse nämlich weiter von den extrem niedrigen Leitzinsen. Nach Angaben des Informationsdienstes Factset ist der S&P 500 mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von fast 16 schon relativ hoch bewertet. Um einen weiteren Kursanstieg zu rechtfertigen, müssten nun auch die Gewinne der Unternehmen kräftig steigen, glauben Fondsmanager an der Wall Street.

          Bild: F.A.Z.

          Ähnlich äußern sich auch die Strategen mit Blick auf den deutschen Aktienmarkt. Die Kurse seien gestiegen – jetzt müssten die Unternehmensgewinne nachziehen, heißt es vielfach. Seit Jahresanfang ist der Dax um knapp 4 Prozent moderat gestiegen. Umso erstaunlicher ist es, dass die große Mehrzahl der Aktienstrategen, die diese Zeitung im Dezember nach ihren Prognosen gefragt hatte, den Dax-Stand zur Jahresmitte negativer vorausgesagt hatte. Nachdem der deutsche Leitindex Dax die magische Marke von 10.000 Punkten Anfang Juni übersprungen hatte, steht er derzeit bei etwa 9.902 Punkten.

          Mit einem derart hohen Stand hatten nur drei von 16 Analysten gerechnet – die meisten Schätzungen lagen darunter. Bis zum Jahresende sehen die meisten Aktienstrategen jedoch noch Potential. Von 24 Prognosen sehen zwei Drittel den Dax zum Jahresende oberhalb von 10.000 Punkten. Am positivsten gestimmt ist Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, der einen Stand des Dax bei 11.000 Punkten voraussagt. „Die Bewertungen am deutschen Aktienmarkt sind mit einem KGV von etwa 13,4 noch nicht zu hoch, vor allem nicht im Vergleich zu anderen Aktienmärkten und Rentenanlagen“, sagt Stephan.

          „Die Aktien sind zu hoch bewertet“

          Außerdem würden die Bewertungen gestützt durch die lockere Geldpolitik der Zentralbanken, zumal die EZB in den kommenden Monaten einen expansiveren Kurs verfolgen dürfte. Die Analysten der Helaba haben den kritischsten Blick der befragten Analysten. Sie rechnen mit einem Stand des Dax zum Jahresende bei 8.900 Punkten – zur Jahresmitte hatten sie 9.500 Punkte vorausgesagt. Sie sind auch die einzigen, die mit einem Rückgang der Bewertungen in der zweiten Jahreshälfte rechnen. Trotzdem fühlt sich Markus Reinwand, Aktienstratege bei der Helaba in seiner verhaltenen Sicht bestätigt.

          „Die Aktien haben einen Großteil der positiven Entwicklung schon vorweggenommen, sie sind zu hoch bewertet“, sagt Reinwand. Die realen Unternehmensgewinne hielten mit den positiven Schätzungen nicht mit. Das sehe man auch daran, dass im Moment die negativen Gewinnrevisionen deutlich häufiger vorkämen als die positiven. Auch die niedrige Schwankungsbreite der Kurse bereitet ihm Sorgen. Im Moment liegt der V-Dax, das Barometer, das die erwarteten Kursschwankungen im Dax misst, bei weniger als 15 Prozent. „Eine hohe Erwartungshaltung der Marktteilnehmer macht sie auch besonders anfällig für Rückschläge“, sagt Reinwand.

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