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„Böse“ Aktien : Mehr Rendite mit Schnaps und Bier

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Verruchte Aktieninvestments versprechen den Anlegern eine hohe Rendite. Bild: AP

Die Aktien von Tabak- und Alkoholkonzernen sind verpönt. Dabei lässt sich mit dem Laster viel Geld verdienen.

          Es war im Jahr 2005, als Ben Bernanke, der spätere Chef der amerikanischen Notenbank Fed, sein Investment-Portfolio offenlegen sollte. Neben einer Fülle an Pensionsfonds fand sich darin nur eine einzige Aktienposition: Papiere des amerikanischen Altria-Konzerns, wie der Zigarettengigant Philip Morris in Amerika heißt. Noch vor seiner Nominierung zum Fed-Chef verabschiedete sich Bernanke von dieser Aktienposition. Eine Tabakaktie? Passt nicht gut zu einem Mann, auf den sich regelmäßig die Augen der weltweiten Finanzszene richten. Hätte er sie mal behalten.

          Während Investoren rund um den Globus auf grüne, faire und nachhaltige Werte setzen, machen verruchte Branchen Hoffnung auf gute Renditen. „Das Geschäft mit der Sünde funktioniert enorm gut“, sagt Vermögensberater Conrad Mattern von Conquest Investment Advisory. Kurz: Geld verdienen mit Zigarettenmultis, Schnapsbrennern oder Waffenherstellern.

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          Forscher der London Business School haben diesen Ansatz mit einem Gedankenspiel wissenschaftlich überprüft. Ein Anleger, dessen Vorfahren im Jahr 1900 einen Dollar in amerikanische Tabakaktien investiert hatten, stand im vergangenen Jahr mit mehr als 6,2 Millionen Dollar da. Sofern die Familie die Aktien immer behalten und alle Dividenden reinvestiert hat. Eine Anlage in den breiten Markt brachte dagegen nur 38.000 Dollar. Die Untersuchung stützt das Ergebnis einer früheren Studie, nach der amerikanische Alkohol-, Tabak- und Glücksspielaktien vergleichbare Werte langfristig um durchschnittlich 3,5 Prozentpunkte pro Jahr übertrafen.

          In der Ächtung liegt die Stärke

          Der Erfolg zeigt sich auch mit einem Blick auf konkrete Werte. Während der Kurs von Bernankes Tabakliebling Altria (Marlboro, Chesterfield) in den vergangenen fünf Jahren um 136 Prozent stieg und der Camel-Hersteller Reynolds American ein Kursfeuerwerk von 152 Prozent hinlegte, brachte das Geschäft mit Alkohol oder Waffen noch höhere Renditen.

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          Der Produzent der Biermarke Budweiser, Anheuser-Busch Inbev, brachte es auf ein Kursplus von 189 Prozent. Die Aktie des amerikanischen Waffenherstellers Smith & Wesson stieg sogar um 955 Prozent. Zum Vergleich: Der amerikanische Aktienindex S&P 500 legte im selben Zeitraum nur um rund 91 Prozent zu.

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          Woher kommt der wundersame Erfolg dieser speziellen Aktien? Schließlich verbannen immer mehr Investoren Zigaretten, einarmige Banditen und hochprozentige Getränke aus ihren Portfolios. Der französische Versicherungskonzern Axa zum Beispiel kündigte im Mai an, sich von all seinen Tabakinvestments zu trennen. Und während die Zahl der grünen Fonds wächst, existiert für die sündigen Investments nicht ein einziger Indexfonds. Genau in dieser Ächtung liegt die Stärke der Aktien. Weil viele Investoren Tabak- oder Alkoholkonzerne meiden, ist der Preis der Aktien niedrig. Und weil nur wenige Analysten die Unternehmen unter die Lupe nehmen, ist über die Lage der Firmen weniger bekannt als bei Standardwerten. Viele Anleger halten die Aktien daher für riskanter - und lassen sich ihr Investment mit einer Risikoprämie bezahlen.

          Hohe Dividenden und wenige dominante Player

          Deshalb sind vor allem Tabakkonzerne tüchtige Dividendenzahler. Das von Bernanke einst bevorzugte Tabakunternehmen Altria hat in den vergangenen 47 Jahren 50-mal seine Dividende angehoben. Das dient in schlechteren Börsenzeiten als Polster und lohnt erst recht, wenn Anleger die Dividenden reinvestieren.

          Außerdem sind die Unternehmen vor weiterer Konkurrenz gut geschützt: In ihren Branchen spielen meist nur wenige andere eine dominante Rolle. Wer als Neuling in diese Branchen hineinwill, muss sich nicht nur mit den Branchenriesen herumschlagen, sondern auch mit einer Fülle von Gesetzen, Regulierungen und Kontrollverfahren. Nicht sehr attraktiv für Neueinsteiger, aber gut für die etablierten Konzerne. „Und viele Regierungen nehmen die Hersteller mit neuen Gesetzen nicht so stark an die Kandare, wie sie könnten“, sagt Finanzexperte Mattern. „Denn wenn die Gesetze den Herstellern wirtschaftlich schaden, entgehen den Staaten Steuern.“

          Ein Ende des Wachstums ist derzeit nicht in Sicht. Bier- und Tabakkonzerne erschließen in den Schwellenländern neue Märkte. Außerdem haben sie in den vergangenen Jahren erfolgreich fusioniert und dabei Kosten gespart. Selbst die tendenziell sinkende Zahl der Raucher macht Experten keine Angst. „Das können die Konzerne über leicht steigende Preise kompensieren“, sagt Branchenexperte Andreas Tomaschett von der Schweizer Großbank UBS.

          Neben diesen Entwicklungen spricht auch eine grundlegende Erwägung für die verschmähten Aktien. Das Geschäft mit den Sünden ist nicht sonderlich von der Konjunktur abhängig und funktioniert überall auf der Welt. Oder wie es eine alte Börsenweisheit formuliert: Getrunken und geraucht wird immer.

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