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Erholung am Finanzmarkt : Schweizer Börse verkraftet Frankenschock

Vor allem für Euroanleger dieses Jahr bislang ein attaktiver Ort für die Geldanlage: Der Finanzplatz Zürich. Bild: Mark Henley/PANOS/VISUM

Viele Anleger haben den Kurssturz im Januar zum Aktienkauf genutzt. Doch am Aktienmarkt wird die Luft dünner. Zumal die Konjunktur in der Schweiz schwächelt.

          Thomas Jordan hat alle auf dem falschen Fuß erwischt. Als der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) am 15. Januar mitten in den vormittäglichen Börsenhandel hinein bekanntgab, die Mindestkurspolitik auf- und den Schweizer Franken freizugeben, rasselten die Aktienkurse an der Schweizer Börse mit Karacho in den Keller. Der Absturz war so groß, dass vom „Schwarzen Donnerstag“ die Rede war.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Marc Hänni, Leiter Aktienanlage im Asset Management der Zürcher Bank Vontobel, hat diesen nervenaufreibenden Tag noch genau in Erinnerung: „Die Verunsicherung war groß, die Anleger reagierten sehr nervös.“ Dabei habe sich der Markt unter dem plötzlichen Frankenschock sehr ineffizient verhalten: „Die Preisbildung war psychologisch getrieben und nicht fundamental begründet.“ Mit anderen Worten: Der Markt hat überreagiert. Nach einer schnellen Analyse dessen, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern der schlagartigen Frankenaufwertung zählen dürfte, griff Vontobel am Aktienmarkt zu: „Wir waren danach eher auf der Käuferseite“, sagt Hänni.

          Und damit war die Bank nicht allein. Nachdem der erste Schreck verdaut war, nutzten viele Anleger die Gunst der Stunde und kauften Aktien, für die sie kurz zuvor noch ein Fünftel mehr hätten bezahlen müssen. Für deutsche Anleger, die schon vor dem 15. Januar in Schweizer Aktien investiert waren, war das Ganze sowieso kein Verlustgeschäft, wie Christian Gattiker, Chefstratege der Bank Julius Bär, vorrechnet: „Ein Investor aus dem Euroraum hat am 15. Januar netto einen Gewinn von 5 Prozent erzielt. Dem Rückgang der Aktienkurse um 15 Prozent stand nämlich eine Aufwertung der Anlage in Franken um 20 Prozent gegenüber.“

          Schweizer Aktien erholen sich

          Die Schweizer Aktien haben sich inzwischen wieder gut erholt. Der Swiss Market Index (SMI), in dem die 20 bedeutendsten Unternehmen gelistet sind, war unmittelbar nach der Frankenfreigabe von 9200 Punkten auf unter 8000 Punkte gefallen. Seither ist der SMI kontinuierlich nach oben geklettert und hat nun wieder die Marke von 9000 Punkten überschritten. Das liegt sicherlich auch daran, dass in diesem Leitindex viele multinationale Konzerne vertreten sind.

          Unternehmen wie der Nahrungsmittelriese Nestlé oder die Pharmakonzerne Roche und Novartis sind rund um den Globus unterwegs. Sie machen ihre Umsätze zu einem großen Teil im Ausland, dort haben sie aber auch ihre Produktionsstätten. Damit ist das Währungsrisiko zu einem beträchtlichen Teil abgesichert. Allein bei der Umrechnung der Umsätze in Franken kommt es zu einem Dämpfer. Auf die Margen habe dieser Translationseffekt langfristig keinen Einfluss, sagt der Vontobel-Manager Hänni und fügt hinzu: „Der starke Franken trifft vor allem kleine und mittlere Unternehmen.“

          In dieser Kategorie stehen vor allem jene Unternehmen unter Druck, deren Kostenbasis in der teuren Schweiz ist, die den Großteil ihrer Produkte aber ins Ausland exportierten. Dazu gehört zum Beispiel der führende Schweizer Uhrenhersteller Swatch. Für dessen Produkte ist das Label „swiss made“ essentiell, daher wird fast ausschließlich in der Schweiz produziert. Trotzdem ist auch die Swatch-Aktie nach dem Tauchgang Mitte Januar wieder auferstanden.

          Gattiker von Julius Bär verweist darauf, dass der Franken inzwischen wieder etwas schwächer geworden ist, was den Druck auf die Exportwirtschaft und den Tourismus zumindest ein wenig lindert: „Die Nationalbank hat die Hand nicht ganz zurückgezogen. Der Euro scheint sich jetzt zwischen 1,05 und 1,10 Franken einzupendeln.“ Trotzdem traut er dem Braten nicht. Der eigentliche Lackmustest für die Unternehmen stehe erst noch bevor: „Wenn die Berichte zum Verlauf des ersten Quartals vorliegen, wird sich zeigen, wie groß der Flurschaden ist.“

          Stimmung in der Wirtschaft deutlich eingetrübt

          Nach Angaben der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat sich die Stimmung in der Schweizer Wirtschaft im Februar deutlich eingetrübt. Das KOF-Konjunkturbarometer sank in dieser Zeit um 6 Punkte, das ist der stärkste Rückgang seit 2011. Verdüstert hätten sich die Perspektiven vor allem in der Metall-, Elektro- und Holzindustrie sowie im Baugewerbe. Die Forscher glauben, dass dies bereits Spiegel einer verschlechterten Auftragslage ist.

          Die Auguren sind sich einig, dass es mit der Schweizer Konjunktur in den nächsten Monaten bergab geht. Die Frage ist nur, wie schlimm es wird. Marc Hänni hält es für möglich, dass die Schweiz im zweiten und dritten Quartal vorübergehend in eine kleinere Rezession rutscht. Daher rechnet er mit einer erhöhten Volatilität im Aktienmarkt. Größeres Aufwärtspotential sieht Hänni nach dem jüngsten Kursanstieg vorerst nicht mehr: „Der SMI wird sich in den nächsten sechs bis neun Monaten eher seitwärts bewegen. Den gesamten Aktienmarkt sehen wir am Jahresende 3 bis 8 Prozent im Plus.“ Sein Augenmerk richtet er vor allem auf Unternehmen mit hohen Dividendenrenditen.

          Christian Gattiker glaubt, dass die von der EZB beförderte Schwäche des Euro gut für die Wirtschaft im Euroraum ist und dass dies wiederum den Schweizer Exporteuren Aufwind geben könnte: „Wenn der Wachstumsmotor im Euroraum richtig anspringt, sind die konjunkturellen Bremseffekte in der Schweiz schwächer, als viele derzeit befürchten.“

          Auch der allgemeine Anlagenotstand dürfte dem Schweizer Aktienmarkt nach Einschätzung Gattikers Rückhalt geben: „Institutionelle Anleger wie die Schweizer Pensionskassen können sich angesichts der Negativzinsen nicht mehr im Bargeld verstecken. Mangels Alternativen werden sie verstärkt Aktien kaufen.“ Außerdem glaubt der Chefstratege von Julius Bär an die Anpassungsfähigkeit der heimischen Unternehmen: „Die Schweizer Wirtschaft hat sich über die Jahrzehnte daran gewöhnt, mit einem starken Franken zu leben.“

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