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Aktien : Bankenvolkswirte bezweifeln weitere Rezession

Bild: F.A.Z.

Die Aktienkurse sind zuletzt gefallen - aus Furcht davor, dass die Wirtschaft noch einmal schrumpft. Doch für den Euro-Raum sehen die Bankenvolkswirte Wachstum. Das deutsche Sparpaket ändert daran nichts.

          Die Anleger an den Finanzmärkten haben auch am Dienstag vergleichsweise risikoreiche Anlagen wie Aktien verkauft und ihr Geld vermehrt in als sicher geltenden Titeln angelegt. Der deutsche Leitindex Dax fiel um 0,6 Prozent auf rund 5869 Punkte. Gleichzeitig stieg der Kurs zehn Jahre laufender deutscher Staatsanleihen. Diese als ausfallsicher geltenden Titel rentierten zuletzt mit 2,52 Prozent und damit so niedrig wie nie zuvor.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Darin spiegeln sich Sorgen, die wirtschaftliche Erholung könnte ins Stocken geraten. Zudem hat zuletzt die Furcht vor einer Deflation, also einer Phase allgemein sinkender Preise, zugenommen. Von einer abermaligen Rezession, einem „Double-Dip“, in Europa oder den Vereinigten Staaten gehen die Volkswirte großer Banken jedoch nicht aus. Eine vorübergehende Wachstumsdelle sei schon möglich, sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. „Ein Double-Dip ist aber unwahrscheinlich.“

          Daran änderten auch die von vielen Regierungen angekündigten Konsolidierungspläne nichts. Am Montag bekannte die deutsche Bundesregierung, ihren Haushalt bis zum Jahr 2014 um insgesamt 80 Milliarden Euro entlasten zu wollen. Die Wirtschaft hierzulande wird nach Ansicht Mayers aber nicht darunter leiden. „Das Programm wirkt erst ab dem kommenden Jahr und macht dann nur etwa ein halbes Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.“ Auf der anderen Seite profitiere Deutschland sowohl von der Abwertung des Euro als auch von der anziehenden Wirtschaftsentwicklung auf der ganzen Welt. Für Deutschland prognostiziert Mayer ein Wirtschaftswachstum von 2 Prozent in diesem und von 1,3 Prozent im kommenden Jahr. Auch die Wirtschaft des Euroraums insgesamt werde in beiden Jahren wachsen - um 0,9 Prozent in diesem und um 1 Prozent im Jahr 2011. Einzelne Länder könnten sich gleichwohl schlechter entwickeln.

          „Unter einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung leiden vor allem die Länder, die unter dem höchsten Druck stehen, ihren Haushalt zu sanieren“, sagte Mayer. Die griechische Wirtschaft werde in diesem Jahr um 4 Prozent schrumpfen. „Griechenland ist und bleibt vorerst in der Rezession“, sagt auch Dirk Schumacher, für den Euroraum zuständiger Volkswirt von Goldman Sachs. Die griechische Regierung legte ein Konsolidierungsprogramm auf, nachdem das Land Schwierigkeiten bekommen hatte, am Kapitalmarkt Geld aufzunehmen und nun Hilfe von anderen Euro-Ländern bekommt. Eines der größten Risiken dabei ist, dass die Bevölkerung den Sanierungskurs nicht akzeptiert und neue Unsicherheit auslöst.

          EZB wird den Leitzins nicht anheben

          Schumacher sagt außerdem voraus, dass die spanische Wirtschaft in diesem Jahr um 0,5 Prozent schrumpft, im Jahr 2011 aber um 1 Prozent wächst. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt werde demgegenüber um 2,2 Prozent in diesem und um 2,5 Prozent im kommenden Jahr zulegen. Dessen ungeachtet könnten die Kurse gerade risikoreicherer Wertpapiere erst einmal unter Druck stehen. „Es gibt weiterhin eine zyklische Unsicherheit unter den Anlegern, ausgelöst beispielsweise durch schlechter als erwartete Daten vom amerikanischen Arbeitsmarkt.“ Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten gilt als wichtiger Indikator für die Entwicklung der Konjunktur auf der Welt. Dass Anleger „sichere Häfen“ wie amerikanische Staatsanleihen oder Bundesanleihen ansteuerten, wenn so eine Zahl schlechter als erwartet ausfällt, sei ein normales Phänomen und müsse nicht Ausdruck der Furcht vor einer Rezession sein.

          Unterstützend für die Märkte wirke indes noch auf unabsehbare Zeit die Geldpolitik. Nach Ansicht von Jürgen Michels, dem für den Euroraum zuständigen Volkswirt von der Citigroup, wird die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins des Euroraums noch bis ins nächste Jahr hinein nicht anheben. Die EZB werde außerdem mit ausreichend Liquidität dafür sorgen, dass es zu keinen Verwerfungen am „Interbankenmarkt“ kommt, auf dem sich die Geschäftsbanken gegenseitig Geld leihen. Ein wichtiges Datum ist in diesem Zusammenhang der 1. Juli. An diesem Tag läuft ein zwölf Monate dauerndes Finanzierungsgeschäft der EZB aus, wodurch auf einen Schlag 442 Milliarden Euro Liquidität aus dem Markt fließen werden. Michels prognostiziert für Deutschland ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent in diesem Jahr und von 1,7 Prozent im kommenden Jahr.

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