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Aktien : Angenehme Sommerbrise an der Pariser Börse

Bessere Stimmung, mehr Anlegervertrauen: Frankreichs Aktienmarkt hatte zuletzt eine Blütephase Bild: Matthias Lüdecke

In Frankreich hat die Wirtschaft die Rezession überwunden. In der Folge sind die Aktienkurse seit Juni um rund 12 Prozent gestiegen. Dem deutschen Aktienmarkt hinken sie aber immer noch hinterher.

          Anders als in vielen Vorjahren hat die französische Börse in diesem Jahr einen sehr angenehmen Sommer erlebt. Besonders zwischen 2007 und 2011 war die warme Jahreszeit an der französischen Börse eher eine Kälteperiode gewesen - nicht aber in diesem Jahr. Wenn man Ende Juni als Ausgangspunkt nimmt, dann haben sich die Kurse im Leitindex CAC 40 seither um 12 Prozent auf mehr als 4000 Punkte erhöht. Der breiter gefasste Index SBF 120 der 120 größten börsennotierten Unternehmen Frankreichs hat im ähnlichem Maße zugelegt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Wie andere Börsenplätze auch profitiert der Pariser Aktienmarkt derzeit vom Rückfluss vieler Gelder aus den Schwellenländern, die vielen Anlegern heute weniger attraktiv erscheinen. Ein verbessertes makroökonomisches Umfeld in Europa verstärkt die gute Stimmung. Die französische Wirtschaft ist im zweiten Quartal um überraschend hohe 0,5 Prozent gewachsen; die Unternehmensinvestitionen sind allerdings noch einmal um 0,1 Prozent gesunken. Viele Wirtschaftsvertreter wollen zwar noch keinen stabilen Aufschwung sehen, zumal die sozialistische Regierung die Steuererhöhungen nur verringert, aber noch nicht beendet hat. Doch die Analysten und Anleger haben sich entschlossen, an den Anfang einer längeren Erholung zu glauben. 70 Prozent der Unternehmen im CAC 40 legten im Juli und August Zwischenergebnisse vor, die über den Erwartungen der Analysten lagen.

          Die Wirtschaft klagt nach wie vor über Reformstau

          Die Aktie von Electricité de France (EdF) beispielsweise gewann am Tag ihrer Bilanzveröffentlichung gleich 7 Prozent an Wert. Das EdF-Papier ist der bisherige Spitzenreiter dieses Jahres mit einem Kursgewinn von fast 54 Prozent seit Jahresbeginn. Die Regierung hat dem Konzern, bei dem immer noch die überwiegende Mehrheit der Franzosen Kunde ist, für die kommenden Jahre kräftige Tarifsteigerungen erlaubt. Außerdem ließ der lange Winter die Stromheizungen der Franzosen heiß laufen, und der Regen füllte die Staudämme des Konzerns. Zudem gab es kaum Pannen in den Kernkraftwerken, was zur Stabilität der Kosten beiträgt. EdF ist mit einer Marktkapitalisierung von fast 40 Milliarden Euro jetzt wieder mehr wert als der Erzrivale GdF Suez, der drei Jahre lang die Nase vorne hatte und damit das teuerste Energieunternehmen Europas war. GdF Suez leidet unter den aktuell niedrigen Stromgroßhandelspreisen in Europa und muss daher einige Gaskraftwerke schließen. Die Aktie von GdF Suez kommt in diesem Jahr nur auf ein schwaches Plus von 6 Prozent.

          Im Aufwind: der CAC-40-Index Bilderstrecke

          Neben dem Schwergewicht EdF ziehen auch die Banken den CAC 40 nach oben. Die Société Générale etwa konnte vermelden, dass sie die unter der Chiffre „Basel III“ bekannten Eigenkapitalanforderungen sechs Monate früher als verlangt erreicht. Und Frankreichs drittgrößte Bank, der Crédit Agricole, hat den Quartalsgewinn gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 60 Prozent erhöht. Mit einer Kurssteigerung um fast 32 Prozent seit Anfang Januar gehört der Crédit Agricole zu den fünf besten französischen Aktien in diesem Jahr. In dieser Spitzengruppe hat auch der Titel von EADS seinen festen Platz. Der Kursgewinn von 50 Prozent seit Jahresbeginn verdeutlicht den ungebremsten Aufschwung in der Luftfahrtindustrie. Dass sich der Konzern nach der Zustimmung der Aktionäre Airbus nennen will, unterstreicht die Dominanz dieser Branche, die nach Ansicht von Analysten noch viele Jahre Wachstum vor sich hat. Davon profitiert auch der französische Safran-Konzern, vor allem mit seiner Tochtergesellschaft Snecma als einem der führenden Triebwerkshersteller für zivile und militärische Flugzeuge. Die Safran-Aktie hat in diesem Jahr bereits um fast ein Drittel zugelegt. Eine Gewinnsteigerung um fast die Hälfte im ersten Halbjahr stärkte die Zuversicht der Anleger.

          Bei so viel Optimismus stellt sich die Frage, ob die Aktien des CAC-40 gar nichts mehr mit ihrer Heimat zu tun haben. Dort klagen immerhin viele Wirtschaftsvertreter über Reformstau und eine allgemein schlechte Behandlung durch die sozialistische Regierung. Sicher sind die meisten Unternehmen des CAC 40 heute in der ganzen Welt unterwegs und machen daher nicht mehr den Großteil ihres Geschäfts in Frankreich. Dennoch bleiben sie von den Vorgängen zu Hause nicht unberührt. Stefan Scheurer vom Versicherer Allianz hat die längerfristige Entwicklung des CAC 40 mit der des Dax verglichen. Dabei zeigt sich, dass sich der Dax seit 2003 „mit Beginn der Reformen des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes, besser bekannt unter dem Namen Agenda 2010“, mehr als verdoppelt hat. Der CAC 40 kam in diesem Zeitraum dagegen nur auf ein Plus von 20 Prozent. „Der Aktienmarkt scheint auf seine Art ein Indiz für Frankreichs verlorengegangene Wettbewerbsfähigkeit zu reflektieren“, meint Scheurer.

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