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Aktien-Analyse : Gewinnwarnung verdirbt bei Clariant die Kurs-Chemie

  • Aktualisiert am

Clariant-Betriebsstätte in Muttenz, Schweiz Bild: clariant.com

Der Schweizer Spezialchemiekonzern Clariant AG hat den Ausblick für 2011 beim Umsatz und Gewinn gesenkt. Der Aktienkurs quittierte das mit einem Kurseinbruch auf den tiefsten Stand seit Ende Juli 2009.

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          Am Ende des Handels am Montag stand für den Titel an der Schweizer Börse ein dickes Minus von 16,3 Prozent auf 6,95 Schweizer Franken zu Buche. Alleine seit Juni beläuft sich der Kursverlust dadurch hier nun schon auf satte 63 Prozent.

          Für neuen Kursdruck sorgte zum Wochenauftakt der warnende Hinweis des Vorstands, wegen ungünstiger Wechselkurse und der sich abschwächenden Konjunktur sei 2011 nur noch mit einem Umsatz von 7,0 bis 7,2 Milliarden Franken zu rechnen. Im Juli hatte Clariant noch Einnahmen von 7,8 bis 8,0 Milliarden Franken in Aussicht gestellt.

          Die Marge beim Gewinn vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Amortisationen sieht das Unternehmen vor Sonderposten jetzt nur noch bei 12,8 bis 13,2 Prozent. Hier hatte die alte Prognose auf 13,5 bis 14,5 Prozent gelautet. Die Gewinnwarnung sei enttäuschend, weil das Unternehmen noch vor sechs Wochen die Prognose bestätigt habe, erklärte Sarasin-Analyst Philipp Gamper. Zudem sei das Ausmaß der Senkung überraschend groß.

          Bild: Tai-Pan

          Chemieaktien allgemein unter Druck

          Die Verkäufe der Anleger beschränkten sich aber nicht nur auf Clariant, sondern erfasste auch allgemein andere Aktien aus dem Chemiesektor. In Deutschland fiel der Kurs von BASF beispielsweise um 5,6 Prozent auf 44,45 Euro und der Spezialchemiekonzern Lanxess gab um 7,1 Prozent auf 36,49 Euro nach. Auf die Verkaufsliste wurden die Branchenvertreter gesetzt, weil sich immer mehr die Erkenntnis bei den Marktteilnehmern durchsetzt, dass die Abkühlung der Weltwirtschaft nun auch immer stärker auf die Chemieindustrie durchschlägt. Dazu trug auch die Warnung des deutschen Branchenverbands VCI vor geringeren Wachstumsraten in der zweiten Jahreshälfte bei.

          Die Chemiebranche spürt die Aufs und Abs in der Konjunktur mit als erstes, da sie sämtliche anderen Branchen beliefert. Die Gewinnwarnung von Clariant zeige, dass die seit einigen Wochen rückläufigen Wirtschaftsindikatoren in der Realwirtschaft ankommen, erklärten die Analysten der Bank Wegelin. Bei Investoren könne das Sorgen auslösen, dass auch andere zyklische Unternehmen ihre Prognose senken müssen.

          Vorstand erwartet keinen Kollaps wie 2008

          Der Schweizer Konzern, der viele Jahre lang ein Sanierungsfall war, macht für die Gewinnwarnung ausschließlich das wirtschaftliche Umfeld verantwortlich. Neben den Belastungen durch den starken Franken sei im Juni die Nachfrage schwächer geworden, was sich in den Monaten Juli und August fortgesetzt habe. Betroffen waren die Segmente Kunststoff-Zusätze (Masterbatches), Pigmente, Papier- sowie Textilchemikalien. Gespürt habe Clariant die Abkühlung vor allem in Brasilien, Amerika und Europa.

          Mit einer Rezession rechnet das Unternehmen jedoch nicht. „Wir erwarten keinen Kollaps der Nachfrage, sondern lediglich eine Abschwächung“, erklärte Konzernchef Hariolf Kottmann in einer Telefonkonferenz. Ein Absturz der Branche wie im Jahr 2008 sei nicht zu befürchten. Im Gegensatz zu heute waren die Lager der Kunden damals übervoll, zudem gab es in vielen Bereichen der Chemieindustrie Überkapazitäten.

          Noch überwiegt in der Chemiebranche mehr Licht als Schatten

          Auch die deutschen Branchenvertreter sehen trotz der erwarteten Abkühlung im zweiten Halbjahr keinen Grund zur Panik. „Die chemische Industrie befindet sich weiter auf Rekordkurs“, sagte Evonik -Chef und VCI-Präsident Klaus Engel. Deutschlands drittgrößter Industriezweig werde in diesem Jahr beim Umsatz erstmals die Schwelle von 180 Milliarden Euro knacken. Laut Engel rechnen die meisten Unternehmen mit einer Fortsetzung des Aufwärtstrends - auch wenn sich das Expansionstempo spürbar verlangsamen werde.

          Bei vielen Branchengrößen ist von Katerstimmung ebenfalls nichts zu spüren. Der amerikanische Chemieriese DuPont und die deutsche Lanxess hatten ihre Ergebnisziele kürzlich sogar nach oben geschraubt. Branchenprimus BASF bestätigte am Montag erneut den Ausblick für 2011. Das Unternehmen hat im Gegensatz zu Clariant bisher allerdings keinen konkreten Jahresziele ausgegeben, sondern lediglich ein deutliches Umsatz- und Gewinnplus. Einzig die niederländische Akzo Nobel hatte Ende Juni ihr Gewinnziel gekippt - allerdings in erster Linie wegen steigender Rohstoffkosten.

          Vor etwaigen Neueinstieg erst Bodenbildung abwarten

          Auch Clariant bekommt die hohen Rohstoffkosten zu spüren, mache aber gute Fortschritte, diese über Preiserhöhungen an die Kunden weiterzugeben, erklärte der Basler Konzern. Das Unternehmen sieht sich zudem weiter auf Kurs, seine mittelfristigen Ziele zu erreichen. Bis 2015 peilt der Konzern einen Umsatz von über zehn Milliarden Franken (neun Milliarden Euro) und eine operative Marge von über 17 Prozent an.

          Dennoch ist wegen der derzeit vorherrschenden starken Verunsicherung nachvollziehbar, dass die Anleger nervös reagieren. Das sehen auch die Analysten vom Bankhaus Wegelin so: „Für Clariant könnte eine starke Wirtschaftsabschwächung oder gar eine Rezession nach einem gerade erst erfolgreich abgeschlossenen Turnaround und der Übernahme von Südchemie etwas zur Unzeit kommen. Zwar dürfte der Konzern nach dem Umbau mit einem anderen Produktmix und einer tieferen Kostenbasis resistenter gegen Krisen gewappnet sein. Die Eigenkapitalquote von knapp über 30 Prozent scheint jedoch noch nicht wirklich sturmfest“, schreiben sie in einer Studie.

          Auch charttechnisch gesehen wurde durch den jüngsten Kursrutsch viel an Porzellan zerschlagen. Vor einem Neueinstieg scheint es daher ratsam zu sein, erst einmal eine Bodenbildung abzuwarten.

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