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Aktienanlage : 10 Tage entscheiden über den Erfolg von 17 Jahren

Lohnt sich die Börse überhaupt? Bild: dpa

Es ist seit jeher strittig, ob man mit gezieltem Handeln mehr aus dem Aktienmarkt herausholen kann. Ein Rechenbeispiel zeigt, wer am Ende der Dumme sein kann.

          Kaufen, halten und besser nicht hinschauen ist die einfachste Art, sich mit dem Thema Aktienanlage auseinanderzusetzen. Die andere ist am Ball zu bleiben und den Versuch zu unternehmen, im rechten Moment ein- und wieder auszusteigen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Zweifel, dass diese Strategie funktionieren kann, sind mannigfaltig. Dennoch versuchen es einige immer wieder. Folgt man Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei der Fondsgesellschaft Fidelity International, so sind diese Versuche dennoch zum Scheitern verurteilt, zumindest wenn es um langfristige Kapitalanlagen geht.

          Roemheld hat untersucht, wie viel die besten Börsentage seit Einführung des Euro am 31. Dezember 1998 zum Erfolg einer Aktienanlage beigetragen haben. Seine Erkenntnis: „Die vergleichsweise hohe Rendite einer Aktienanlage ist auf relativ wenige Tage mit hohen Kurssteigerungen zurückzuführen. Da niemand vorhersagen kann, wann diese Tage sind, ist es im Allgemeinen sinnvoller, durch Marktzyklen hindurch voll investiert zu sein.“

          Zehn Tage gefehlt, 90 Prozent verpasst

          Ein Anleger, der seinerzeit 1000 Euro in den MSCI Europe investiert hätte, würde zum 31. Mai 2016 mit 1992 Euro das angelegte Kapital fast verdoppelt haben. Die Rendite in dieser Zeit belief sich dabei auf rund 4 Prozent pro Jahr.

          Hätte dieser Anleger allerdings die zehn besten Börsentage während dieser Episode verpasst, hätte er zum 31. Mai sogar nur über einen Betrag von 1023 Euro verfügen können. Das bedeutet, dass sich der Wert des Investments mit einem jährlichen Zuwachs von 0,1 Prozent praktisch nicht verändert hätte.

          Der Vorzug von Festgeld

          Trotz der während dieser Phase schier ins Bodenlose gefallenen Zinsen wäre der Betrag mit einjährigen Festgeldanlagen auf rund 1464 Euro angewachsen und hätte so im Jahresdurchschnitt immerhin 2,2 Prozent eingebracht. Nach Abzug der Inflation wäre dies immerhin noch ein Zuwachs von 15 Prozent gewesen, während die Aktienanlage ohne die zehn besten Börsentage real gut ein Viertel weniger wert gewesen wäre.

          Ohne die 40 besten Tage wären von der Aktienanlage allerdings  schon vor Abzug der Inflation nur 324 Euro übrig geblieben. Nach Abzug der Inflation wäre das angelegte Kapital kaum noch etwas wert gewesen.

          Da es heute aber kaum noch Zinsen gibt, ist Festgeld auch keine attraktive Alternative. Schreibt man das aktuelle Niveau fort, würden aus 1000 Euro bis zum Ende des Jahres 2033 bloß 1059 Euro.

          Deutsche Aktien noch schwankungsfreudiger

          Wer sich damit zu trösten versucht, dass der deutsche Aktienmarkt besser gelaufen sei, den muss Roemheld enttäuschen. Ohne die zehn besten Börsentage wären auch hierzulande – gemessen am MSCI Germany – von 1000 Euro nur 963 Euro übrig gewesen, ohne die 40 Spitzentage nur 216 Euro.

          Auf der Gewinnerseite sieht es allerdings besser aus: Hier hätte der dauerhaft investierte Anleger 2124 Euro mitnehmen können. Insgesamt waren am deutschen Aktienmarkt die zehn besten Tage entscheidender als am europäischen. Für den Dax ergibt sich kein wesentlich anderes Ergebnis.

          Plädoyer für Kaufen und Halten

          „Zeit ist bei der Aktienanlage wichtiger als der Zeitpunkt“, sagt Roemheld. „Wer nur wenige gute Börsentage verpasst, muss dafür in der Regel langfristig deutlich geringere Renditen in Kauf nehmen. Den richtigen Ein- oder Ausstiegszeitpunkt vorherzusehen gelingt ohnehin nicht.“

          Wenn also infolge der wegen des Brexit-Votums wieder stärker schwankenden Märkte Anleger überlegten auszusteigen und auf bessere Zeiten zu warten, sei das zwar verständlich. Mit Blick auf die Rendite sei dies aber die schlechteste Entscheidung, die ein Anleger treffen könne, meint Roemheld.

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