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Abgas-Skandal : VW-Aktionäre brauchen gute Nerven

Das Steuern von VW ist derzeit eine Herausforderung. Bild: AFP

Der Abgas-Skandal hat die Volkswagen-Aktie heftig gebeutelt. Experten tun sich schwer damit, eine Prognose über ihre weitere Entwicklung abzugeben. Doch es gibt auch Optimisten.

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          Steil ist der Absturz des Aktienkurses von VW: Die im Dax notierten Vorzugsaktien notieren derzeit mit 97,85 Euro. Das sind 40 Prozent weniger als noch vor elf Tagen, bevor der Skandal um gefälschte Emissionswerte ans Tageslicht kam. Legt man die jüngsten durchschnittlichen Analystenschätzungen für das kommende Jahr zugrunde, so sah die Aktie lange nicht mehr so attraktiv aus:  Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei rund 5,5, das Kurs-Cashflow-Verhältnis beträgt mehr als 2 und die Dividendenrendite 5,6 Prozent.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Bewertungsrelationen schaffen nur noch zwei andere deutsche Aktien: der chinesische Hersteller von Badarmaturen Joyou und der umstrittene Windparkentwickler PNE Wind. Den drei Unternehmen ist eines gemeinsam: Sie befinden sich in Nöten. Während bei PNE ein Machtkampf tobt, ging Joyou vor zwei Monaten in die Insolvenz. Und VW hat  seinen Abgasskandal.

          Schwer zu beurteilen seien derzeit die Auswirkungen für Volkswagen, meint Klaus Breitenbach, Analyst der Baader Bank, der in den vergangenen Tagen eine neue Studie zu Volkswagen veröffentlicht hatte. Doch nach den jüngsten Geschehnissen steht seine Kaufempfehlung ebenso wie das Kursziel von 260 Euro unter Revision. Andere Analysten wollen sich erst gar nicht zu Kurszielen äußern oder Empfehlungen abgeben.

          Tim Rokossa von der Deutschen Bank hat die Aktie von „Kaufen“ auf „Halten“ abgestuft. Seine Zusammenfassung der Situation lässt aber zweifeln, ob man der Empfehlung folgen soll: Das volle Ausmaß des Emissionsskandals werde wahrscheinlich lange Zeit unsicher bleiben. Die Strafzahlungen würden schmerzlich, seien unmöglich zu quantifizieren und potentiell noch jahrelang ein Thema. Die Auswirkungen auf das operative Geschäft bärgen noch höhere Risiken für die zukünftigen Mittelzuflüsse.

          „Wir segeln in unbekanntem Gewässer“, schreibt Unicredit-Analyst Andreas Rees. Es gebe eine Reihe unbekannter Größen wie die anhängigen Klagen, die Folgen für den Absatz und die Reaktion der Politik. So hat das Schweizer Bundesamt für Straßen angekündigt, Verfügungen vorzubereiten, „um zu verhindern, dass weitere möglicherweise betroffene Fahrzeuge auf Schweizer Straßen gelangen“. Auch in Spanien werden die betroffenen Fahrzeuge nicht mehr verkauft.

          Einzigartiger Fall

          Auch mit einem Software-Update ist die Sache nicht unbedingt vom Tisch: Diese könnte dazu führen, dass die Motorleistung abnimmt oder der Verbrauch steigt. Das könnte wiederum  Schadenersatzforderungen nach sich ziehen und womöglich dem Absatz mehr schaden als höhere Emissionswerte.

          Auch die Aktionäre sind sauer. „Hervorzuheben ist, dass nur wenige Jahre nach der Finanzkrise ein Großunternehmen Regulierer, Investoren, Mitarbeiter und - was am schwersten wiegt - seine Kunden getäuscht hat“, sagt Nick Anderson, Fondsmanager bei Henderson Global Investors. Dies sei ein erheblicher Rückschritt in dem Prozess, Vertrauen zwischen Großunternehmen und ihren Interessengruppen wiederherzustellen. In einem ersten Schritt wurde die VW-Aktie aus den Dow Jones Nachhaltigkeitsindizes entfernt.

          Der VW-Skandal ist weitgehend einzigartig, weil es sich nicht um ein technisches Problem, sondern um eine bewusste Manipulation handelt. Vom Ausmaß vergleichbar erscheinen nur die Vorgänge um defekte Airbags des Herstellers Takata erreicht. Nach mehreren Todesfällen aufgrund explodierender Airbags kam es im Mai diesen Jahres  zur größten Rückrufaktion in der Geschichte des Automobils. Und immer noch ändert sich die Zahl der betroffenen Fahrzeuge. Wie sich dies auf den Absatz von Takata auswirkt, wird wohl erst im kommenden Jahr zu sehen sein. Der größte Wettbewerber Autoliv hat die Kapazitäten jedenfalls ausgebaut.

          Wenngleich die Rückrufaktion ein harter Schlag für Takata ist, so macht das Unternehmen doch  mehr als 60 Prozent des Umsatzes nicht mit Airbags. Dieser Teil ist nicht unmittelbar betroffen. Und auch VW stellt nicht nur Diesel her. Im Gegenteil: Mit 53,5 Prozent war der Anteil der Diesel-Fahrzeuge der Marke VW gegenüber Mercedes mit 59 und BMW mit sogar 74 Prozent 2014 erheblich geringer.

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          Es gibt auch Optimisten

          Insofern sollte man nicht zu sehr schwarzmalen. Tatsächlich machen einige Analysten auch Hoffnung. Exane etwa geht nicht von möglichen Strafzahlungen von 18 Milliarden Dollar aus, sondern nur von ein bis zwei Milliarden. Philippe Houchois von der Schweizer Bank UBS sieht VW sogar weiter positiv. Das Unternehmen sei einer der wenigen Hersteller, dessen Gewinne deutlich unter den Möglichkeiten lägen und auch Max Warburton von Bernstein Research sieht Potential für Gewinnsteigerungen. Während Houchois das Kursziel zuletzt auf 290 Euro senkte, hält Warburton 200 Euro für möglich. Stefan Burgstaller von Goldman Sachs dagegen hat das Kursziel nach dem Abgasskandal von 152 auf 100 Euro gesenkt. Allerdings riet Burgstaller auch schon vorher zum Verkauf der Aktie.

          Der Unternehmenswert von VW liegt aktuell bei rund 50 Milliarden Euro. Das ist ein Viertel des Jahresumsatzes von 2014. Toyota wird bei einem ähnlich hohen Umsatz aktuell mit mehr als 170 Milliarden Euro bewertet. Es erscheint daher nicht undenkbar, dass trotz aller Unsicherheiten die Kursverluste der VW-Aktie schon zu hoch ausgefallen sind. Die Frage ist aber, innerhalb welcher Zeit sich der Kurs wieder erholen kann. Denn angesichts einer schlechten Nachrichtenlage und Stimmung kann sich auch eine fundamentale Unterbewertung länger halten als man annehmen sollte.

          Was derzeit ebenfalls diskutiert wird, ist die These, dass der Abgasskandal der Popularität des Dieselantriebs in Europa stark Abbruch tun könnte. Kristina Church von Barclays sieht höheren Druck auf den europäischen Markt für Dieselfahrzeuge. Dies wieder könnte alternative Antriebe wie Elektro- und Hybridfahrzeugen fördern, weil ohne die Kompensation durch Dieselfahrzeuge die CO2-Werte nicht erfüllt werden könnten.

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