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Abbremsung des Wachstums : Chinas Inflation lastet auf den Finanzmärkten

  • -Aktualisiert am

Inflation: Wie viel ist die chinesische Währung noch wert? Bild: picture alliance / dpa

Die Märkte rechnen damit, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt die Zinsen abermals erhöhen muss, um Chinas Geldentwertung in den Griff zu bekommen. In vielen Ländern sinken die Aktienkurse.

          Das unerwartet starke Wirtschaftswachstum und die gestiegene Inflation in China haben die Finanzmärkte am Donnerstag belastet. In vielen Ländern sanken die Aktienkurse, auch die Rohstoffpreise gerieten unter Druck. Es wird damit gerechnet, dass China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, zum dritten Mal innerhalb weniger Monate die Zinsen erhöhen muss, um eine Überhitzung zu vermeiden und die Geldentwertung in den Griff zu bekommen. Steigende Zinsen verteuern die Finanzierungskosten der Unternehmen, drosseln den Konsum und machen festverzinsliche Anlagen attraktiver.

          Die Märkte reagierten auf die Meldung des Nationalen Statistikbüros in Peking, nach der das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum real um 9,8 Prozent gestiegen sei. Das Wachstum war damit stärker als das des Vorquartals von 9,6 Prozent und lag auch spürbar über den Erwartungen. Für das Gesamtjahr weist China ein BIP-Wachstum von 10,3 Prozent aus, nach 9,2 Prozent 2009. Nachdem die Verbraucherpreise 2009 gefallen waren, stiegen sie im vergangenen Jahr um 3,3 Prozent; im letzten Quartal erreichte die Teuerung 4,6 Prozent. Mehrere Finanzhäuser, darunter die Deutsche Bank und UBS, erhöhten ihre Prognosen für das Wachstum und die Inflation im laufenden Jahr.

          Rohstoffmittel leiden besonders stark

          In China fielen die Aktienkurse nach Bekanntgabe der neuen Daten auf den niedrigsten Stand seit vier Monaten. Der Shanghai-Composite-Index verlor 2,9 Prozent auf 2678 Punkte, so tief lag er zuletzt Ende September. Der breiter gefasste CSI 300, der auch die Börse in Shenzhen berücksichtigt, gab um 3,3 Prozent nach. Seit Jahresbeginn hat der Shanghai-Composite 4,6 Prozent verloren. Mit minus 14 Prozent zählte er schon im abgelaufenen Jahr zu den schlechtesten Börsenbarometern der Welt. Belastet werden die Kurse seit längerem durch die Straffung der Geldpolitik. Die Zentralbank erhöhte im vergangenen Jahr zweimal die Zinsen und sechsmal die Mindestreserveanforderungen der Geschäftsbanken. Eine weitere Anhebung dieser Zwangseinlagen bei der Zentralbank - die so der Kreditvergabe entzogen sind - folgte vergangene Woche.

          Besonders stark litten am Donnerstag Rohstofftitel, da die erwartete Abbremsung des Wirtschaftswachstums den Bau und die verarbeitende Industrie treffen dürfte. Die Aktien von Data Jiangxi Copper, Chinas größtem Kupferhersteller, verloren fast 6 Prozent an Wert. Die Titel der größten Zinkschmelze Zhuzhou Smelter gaben um 8 Prozent nach, Western Mining fielen um 6 Prozent. Die zu erwartende Einschränkung der Kreditvergabe und der Immobilienspekulationen traf zudem Bank- und Bauaktien. Der Aktienkurs von Property Tax Pudong Bank fiel um 2,7 Prozent, die Papiere von China Vanke, dem größten börsennotierten Bauträger, büßten 4,7 Prozent ein.

          Auch am deutschen Aktienmarkt sorgten die Wirtschaftsdaten aus China für schlechte Stimmung. Der Dax verlor bis zum späten Nachmittag gut einen halben Prozentpunkt auf rund 7030 Punkte. Die größten Verlierer waren mit Kursabschlägen von rund 4 Prozent die Aktien aus den Branchen Automobil- und Lastwagenbau Volkswagen, Daimler, BMW und MAN. Diese Werte hatten besonders von dem starken Wachstum in China profitiert und leiden daher nun auch am stärksten unter den Befürchtungen, dass eine straffere Geldpolitik in Peking das Wirtschaftswachstum schmälern könnte.

          „Positive Überraschungen aus Amerika und Osteuropa“

          „Die geldpolitische Straffung in allen asiatischen Schwellenmärkten, vor allem aber in China, könnte das positive globale Bild der Weltwirtschaft trüben“, sagt Tammo Greetfeld, Aktienstratege der Unicredit. „Besonders Deutschland hat von dem hohen Wachstum in den asiatischen Ländern profitiert, der Aktienmarkt leidet daher auch überdurchschnittlich unter den Sorgen um eine mögliche Wachstumsabschwächung.“

          Für die nächsten Monate erwartet Greetfeld einen Rückgang des Dax: „Die Erwartungskomponente des Ifo-Geschäftsklimaindex ist auf einem Hochpunkt. Das macht den Markt anfällig für Enttäuschungen“, sagt Greetfeld. „In der Vergangenheit boten obere Wendepunkte des Ifo-Index immer ein schlechtes Chance-Risiko-Verhältnis an den Aktienmärkten.“ An diesem Freitag wird in München der Ifo-Index für Januar vorgestellt. Volkswirte rechnen mit einem leichten Rückgang der Erwartungskomponente dieses Stimmungsindikators für die deutsche Wirtschaft.

          Aktienstratege Andreas Hürkamp von der Commerzbank rechnet 2011 nicht mit einer scharfen Wachstumseintrübung in Asien. „Nicht der Beginn von Leitzinserhöhungen macht einen Wachstumstrend zunichte, sondern erst ein zu hohes Niveau“, sagt Hürkamp. „Davon sind wir aber in China noch weit entfernt.“ Gleichwohl sieht der Aktienstratege die Schwellenländer in Asien in diesem Jahr nicht mehr als Haupttreiber für die Aktienmärkte: „Die positiven Überraschungen werden aus Amerika und Osteuropa kommen.“

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