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Scherbaums Börse : Die robuste Langweiler-Aktie aus Cincinnati

  • -Aktualisiert am

Procter & Gamble besitzt viele Marken für Güter, die Menschen auch in Krisenzeiten verwenden, so auch Zahnbürstenmarke Oral-B. Bild: Reuters

Mit zunehmender Inflationsangst schauen immer mehr Anleger auf Unternehmen, die sich in einem schwierigen Marktumfeld robust präsentieren. Ein amerikanischer Konzern meistert solche Zeiten schon seit mehr als 130 Jahren erfolgreich.

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          In den vergangenen Jahren haben Anleger, die im Niedrigzinsumfeld auf Aktien gesetzt haben, gute Renditen einfahren können. Selbst 2020 war trotz der Corona-Krise unter dem Strich ein positives Jahr. Anleger, die in einen Dax-ETF investierten, haben am Ende nach dem starken Einbruch im Frühjahr ein Plus von 3,8 Prozent verbuchen können. Auf Sicht eines längeren Zeitraums und angesichts mangelnder Anlagealternativen abseits der Börse waren die Renditen jedoch deutlich attraktiver, wenn ein Anleger ein bisschen Durchhaltevermögen aufwies und seine Anlage mit einer gewissen Streuung versah. Einen Faktor mussten Anleger bis dato überhaupt nicht beachten – die Inflation.

          Die Macht der Preissetzung

          Das hat sich auf einmal geändert. Börsianer beschäftigen sich intensiv mit dem Thema. Nicht nur, weil die Notenbanken die Teuerungsraten in Bezug auf das Festhalten an ihrer lockeren Geldpolitik im Auge behalten müssen. Investoren sollten sich nun auch nach möglichen Profiteuren der Inflation umsehen – oder zumindest auch Unternehmen im Fokus haben, die sich in einem solch schwierigen Marktumfeld relativ robust präsentieren.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          Zu diesen Unternehmen gehören sicher Firmen mit einer gewissen Preissetzungsmacht. Konsumenten werden nicht gleich bei jeder noch so kleinen Preissteigerung auf den Kauf der jeweiligen Produkte verzichten oder zu Konkurrenzangeboten wechseln. Entsprechend gilt es, starke Marken vorzuweisen, denen Konsumenten derart vertrauen, dass sie deren Produkte auch in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten nicht missen möchten. Ein solches Unternehmen ist Procter & Gamble (P&G).

          Der amerikanische Konsumgüterkonzern überzeugt seit vielen Jahrzehnten mit bekannten und beliebten Marken wie Head & Shoulders, Old Spice, Braun, Gillette, Oral-B, Ariel, Febreze, Pampers oder Always viele Generationen von Verbrauchern. Besonders erfreulich für Procter & Gamble sowie andere Unternehmen aus dem Bereich Konsumgüter ist der Umstand, dass Verbraucher auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten an Nahrung, ihre Körperpflege, Windeln für die Kleinen oder den Hausputz denken und dafür die entsprechenden Hilfsmittel sowie Produkte benötigen.

          Beeindruckende Dividenden-Historie

          Diese Tatsache spiegelt sich entsprechend im Erfolg des bereits 1837 gegründeten Konzerns aus Cincinnati wider. P&G hat weltweite Krisen sowie Zeiten von hoher Inflation erlebt und überstanden. Noch besser: Der Konzern hat diese schwierigen Zeiten sogar so gut gemeistert, dass seit 1890 und damit schon 131 Jahre in Folge den Anteilseignern eine Dividende gezahlt werden konnte. Zudem durften sich Aktionäre nun schon in den vergangenen 65 Jahren in Folge über Erhöhungen bei den Ausschüttungen freuen. Damit gehört der Konzern zu den echten „Dividenden-Aristokraten“. So werden an der Börse Unternehmen geadelt, die im Kreise derer sind, die mehr als 25 Jahre lang kontinuierlich die Dividende erhöht haben.

          Dass Procter & Gamble auch mit der derzeitigen Situation gut fertig werden kann, bewies das Unternehmen zuletzt mit dem Bericht zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2021/22 (per Ende September). Zwar musste der Konzern mit gestiegenen Rohstoffkosten fertig werden, gleichzeitig konnte Procter & Gamble diese Effekte mit Preissteigerungen auffangen. Die Umsatzerlöse wurden im Vorjahresvergleich um fünf Prozent auf 20,34 Milliarden Dollar gesteigert und lagen damit über den durchschnittlichen Analystenschätzungen von 19,91 Milliarden Dollar. Organisch lag das Plus bei vier Prozent. Auch beim bereinigten Gewinn je Aktie wurden die Markterwartungen geschlagen. Ein Wermutstropfen blieb jedoch: Das Unternehmen musste die Inflationserwartungen anheben. Frühere Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass Procter & Gamble in der Lage sein sollte, damit fertig zu werden – was auch der langfristige Chartverlauf aufzeigt.

          Langfristiger Aufwärtstrend

          Nachdem der Aktienkurs von Procter & Gamble im März vergangenen Jahres auf 94 Dollar einbrach, folgte eine kräftige Aufholbewegung, die im November 2020 in einem Rekordhoch bei 146,90 Dollar gipfelte. Nach einer abermaligen Korrektur bis zum März dieses Jahres ging es für den Kurs bis zum September wieder auf ein neues Allzeithoch bei 147,20 Dollar nach oben, woraufhin aktuell eine Konsolidierung folgt.

          PROC. & GAMBLE

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          Die Chancen für neue historische Höchststände stehen gut, denn die Aktie von Procter & Gamble notiert in einem sehr langfristigen Aufwärtstrend. Für die großen Kurssprünge ist die Aktie aber nicht bekannt. Auf Zehnjahressicht beispielsweise verzeichnete der Kurs einen moderaten Anstieg von durchschnittlich acht Prozent pro Jahr.

          Im Vergleich dazu konnte der Dow Jones Index, in dem Procter & Gamble notiert ist, im selben Zeitraum um durchschnittlich knapp 13 Prozent jährlich zulegen. Doch dafür fielen die zwischenzeitlichen Kursrücksetzer bei Procter & Gamble in der Regel vergleichsweise unterdurchschnittlich aus, was die Aktie eben für konservative Anleger (nicht nur in Inflationszeiten) interessant macht. P&G mag für viele Anleger ein „langweiliges“ Papier sein. Angesichts der Tatsache, dass auf Sicht von zehn Jahren aus einer 10.000-Euro-Position bis heute aber fast 26.000 Euro wurden, macht sich die eine oder andere langweilige Aktie abseits der großen Hightech-Werte in dem eigenen langfristig ausgerichteten Depot sehr gut.

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