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Bewertungsportal für Ärzte : Geschäftsmodell Ärzte-Bashing

124 Beurteilungen herausgefischt

Die Frage, die Brennecke nun klären lassen möchte: Arbeitet Jameda mit unseriösen Methoden? Und ist das ein guter Grund, sich deshalb einer Bewertung auf diesem Portal zu entziehen?

Gemeinsam mit seinen Kollegen hat Brennecke schon Dutzende Ärzte gegen Jameda vertreten. „Alle zwei Wochen haben wir hier einen Arzt, der gegen die Bewertungen vorgehen will, aus ganz Deutschland“, sagt Brennecke. Da ist der Chirurg in Berlin, die Augenärztin in Düsseldorf. Tendenz steigend. Der Sachverhalt ist immer ähnlich: Es geht um falsche Tatsachenbehauptungen, der Untersuchungshergang wird falsch wiedergegeben oder grob unvollständig. „Die Gefahr der Manipulation ist sehr hoch“, sagt Brennecke. Rund eine Million Bewertungen haben sich im Laufe der Zeit auf der Internetseite angesammelt, jeden Tag kommen noch einmal 1500 dazu. Das ist zu viel für eine eingehende Prüfung durch einen Mitarbeiter, deshalb erledigt ein Prüfalgorithmus diese Arbeit vor der Veröffentlichung. Allein am vergangenen Donnerstag wurden so 124 Beurteilungen herausgefischt. Den Rest müssen die betroffenen Ärzte selbst prüfen – und dann mühsam rügen.

Bezahlen um sich abzuheben

Wie mühsam das sein kann, zeigt ein Fall, den der Bundesgerichtshof am kommenden Mittwoch entscheiden wird – diesmal zu den Beweisschwierigkeiten im Zusammenhang mit den anonymen Bewertungen. Geklagt hatte ein Zahnarzt, der bezweifelte, dass es den Patienten überhaupt gibt. Er möchte wissen, wer den Beitrag verfasst hat und ob der Schreiber mögliche Beweise über die Behandlung vorgelegt hat. Bisher ist das aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht der Fall. Gerade im sensiblen Gesundheitsbereich kämen aussagekräftige Bewertungen nur zustande, wenn Patienten diese anonym abgeben könnten, betont Jameda. Das führt aber dazu, dass weder Ärzte noch Nutzer sicher sein können, dass die Bewertungen tatsächlich auf wahren Begebenheiten beruhen. „In all den Verfahren haben wir noch nie einen Zeugen gesehen oder auch nur eine E-Mail, mit der ein angeblicher Patient seine Aussage als richtig bestätigt“, sagt Brennecke.

Seiner Ansicht nach fördern die schlechten Bewertungen Jamedas Geschäftsmodell. Deshalb sei es beim Löschen renitenter als andere Bewertungsportale. „Unser Eindruck ist: Bei nicht-zahlenden Ärzten wird alles dafür getan, um die negative Bewertung so lange wie möglich im Netz zu halten“, sagt Brennecke. „Sie ist der entscheidende Schlüssel zu mehr zahlender Kundschaft.“ Denn wer zahlt, kann sich besser von der Konkurrenz abheben.

Aussage des Praktikanten

Das zeige sich schon daran, dass Jameda kurioserweise in einigen Fällen zwar den Text lösche, aber nicht immer die Note. Für die Nutzer ist damit die Verwirrung perfekt, denn für die Note 6 gibt es in dieser Konstellation gar keine Begründung mehr – nicht einmal eine schlechte. Das Landgericht München hat diese Praxis nun eingeschränkt und Jameda dazu verurteilt, auch die Note zu löschen – jedenfalls in den Fällen, in denen die Bewertung auf der unwahren Tatsachenbehauptung beruht.

Auch dieser Fall belegt, wie mühselig der Kampf gegen solche unwahren Behauptungen verärgerter Patienten ist. Die verfassungsrechtliche geschützte Meinungsfreiheit wiegt schwer. Die Gerichte wurden erst im Eil- und dann im Hauptsacheverfahren bemüht, eine Praktikantin des klagenden Hals-, Nasen-, Ohrenarztes musste vor Gericht zum tatsächlichen Verlauf der Untersuchung aussagen. Da ist es wenig verwunderlich, dass Ärzte die Lust verlieren.

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