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Bewertungsportal für Ärzte : Geschäftsmodell Ärzte-Bashing

Mangelnde Transparenz für Nutzer

Doch die Mitgliedschaft hat noch einen anderen unschlagbaren Vorteil: Damit hält man sich die Konkurrenten vom Leib. Wer zahlt, bekommt auf der Seite einen Platz mit Alleinstellungsprivileg. Dagegen erscheint auf der Seite mit dem Profil eines Mediziners ohne zahlende Mitgliedschaft gleich eine ganze Reihe von konkurrierenden Ärzten aus der Umgebung, an die man sich ebenso vertrauensvoll wenden kann.

Welcher Arzt zahlt oder nicht, ahnt der Nutzer allerdings erst, wenn er auf das Profil klickt und das kleine, silber- oder goldfarbene Hinweisschildchen richtig zu deuten weiß. Wohl kaum ein unbedarfter Besucher dürfte auf Anhieb verstehen, dass es sich hier um eine bezahlte Mitgliedschaft mit Sonderbehandlung handelt. Über mangelnde Transparenz auf der Jameda-Seite kommt es immer wieder zu Streit. Das Landgericht München hat Jameda deshalb dazu verurteilt, auf der Ergebnisliste zu Suchanfragen nach bestimmten Ärzten die gekauften Spitzenplazierungen deutlich als Werbung zu kennzeichnen. Deshalb wird nun das Wort „Anzeige“ – graue Schrift auf weißem Grund – klein eingeblendet.

Mit dem Feigenblatt des Verbraucherschutzes

„Durch das Portal werden Nutzer nicht informiert, sondern desinformiert“, kritisiert der Kölner Anwalt Carsten Brennecke von der Kanzlei Höcker, spezialisiert auf Medien- und Wettbewerbsrecht. Er vertritt die Dermatologin in einer Klage, die das Geschäftsmodell von Jameda in seinen Grundfesten erschüttern könnte. Denn seine Mandantin hat nun genug von der mühseligen Profilpflege. Sie möchte einfach nur raus, deshalb hat sie Klage gegen Jameda eingereicht. Wegen „schwerwiegender Beeinträchtigungen des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts“ fordert sie die Löschung ihres Profils aus der Jameda-Datenbank.

Die Listung übe einen erheblichen wirtschaftlichen Druck aus, schreibt Brennecke in der Klageschrift, die dieser Zeitung vorliegt. Die Ärzte hätten nur die Wahl, sich von der Einblendung von Kollegen „freizukaufen“ oder in Kauf zu nehmen, dass ihre Daten verwendet würden, um Patienten abzufangen und auf andere zahlende Kollegen umzuleiten. Der Anwalt spricht von einem „System Jameda“: „Das ist ein Wirtschaftsunternehmen, das mit dem Feigenblatt des Verbraucherschutzes Geschäfte macht.“

Kühl diagnostizierende Mediziner

Doch nach der aktuellen Rechtsprechung ist der Exit nicht vorgesehen. Vor rund zwei Jahren hat das schon einmal ein Gynäkologe aus München versucht, der Bundesgerichtshof hat es abgelehnt, denn Bewertungsportale seien im öffentlichen Interesse. Patienten hätten ein berechtigtes Interesse daran, schnellen und vollständigen Zugang zu Daten über Ärzte zu erhalten, damit sie von ihrem Recht auf freie Arztwahl in vollem Umfang Gebrauch machen können, argumentierten die Bundesrichter.

Diesen Grundsatz, dass das öffentliche Interesse über den Persönlichkeitsschutz des Einzelnen siegt, hat der Bundesgerichtshof 2009 in seinem Grundsatzurteil zum Lehrerbewertungsportal Spickmich.de aufgestellt. Spätestens seitdem floriert das Geschäft mit Bewertungen. Bemerkenswerterweise gibt es weder zu Anwälten und schon gar nicht zu Richtern ein vergleichbares Bewertungsportal. Dafür dürfte es nicht einmal in Timbuktu ein Hotel geben, das nicht umfassend bewertet wurde. Selten ist die Entscheidungshilfe durch Kundenbewertungen jedoch so wichtig wie in der Medizin. Häufig fühlen sich Patienten ihren Ärzten ausgeliefert, verstehen kaum die Diagnose und fühlen sich bei schlechten Nachrichten durch kühl diagnostizierende Mediziner vor den Kopf gestoßen. In solch einer Gemengelage leisten Bewertungsportale einen wichtigen Dienst – jedenfalls, wenn sie ihr Geschäft seriös betreiben.

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