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Leitzinsen in Amerika : Ändert die mächtigste Zentralbank der Welt ihren Kurs?

Jerome Powell sprach am Mittwoch vor dem Economic Club of New York. Bild: AP

Donald Trump hält die amerikanische Notenbank und ihren Chef Jerome Powell für sein derzeit größtes Problem. Nun hat Powell eine Rede gehalten, die an der Wall Street wie eine Bombe eingeschlagen ist. Was hat er vor?

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          Für die Anleger rund um den Globus gibt es heute eine große Frage: Verändert einer der wichtigsten Börsenkursbeeinflusser sein bisheriges Verhalten? Wenn ja, dann dürfte eine gewaltige Umschichtung in den Portfolios der internationalen Vermögensverwalter und Banken bevorstehen – mit Bedeutung für jeden.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Was ist geschehen? Jerome Powell, der Chef der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, hat am Mittwochabend eine Rede in New York gehalten und darin auch über die Höhe der Leitzinsen in den Vereinigten Staaten gesprochen. Powell sagte, dieser Zinssatz befinde sich nun „knapp unterhalb“ seines neutralen Levels.

          Das klingt erst einmal harmlos, hat es aber in sich: Aus der Sprache der Notenbanker in die der Nicht-Notenbanker übersetzt bedeutet es, dass der Leitzins nun beinahe jenes Niveau erreicht haben könnte, auf dem er die Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten Staaten weder befeuert noch bremst. Die Finanzwelt hörte genau hin, auch weil in den vergangenen Tagen der amerikanische Präsident Donald Trump kein gutes Haar an jenem Notenbank-Präsidenten ließ, den er selbst im Februar ins Amt gebracht hatte. Die Fed bezeichnet Trump derzeit als sein „größtes Problem überhaupt“.

          Kaum hatte Powell jetzt diesen Satz mit den Worten „knapp unterhalb“ gesagt, stiegen an der Wall Street die Aktienkurse deutlich – der Dow-Jones-Index legte um mehr als 600 Punkte zu und beendete den Handelstag mit einem Plus von 2,5 Prozent, dem höchsten Tagesanstieg seit März, der Dollarkurs gab nach, die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen verminderte sich auf 3 Prozent. Diese Reaktion zeigt: Unter wichtigen Anlegern kommen Zweifel daran auf, dass die Währungshüter um Powell ihren Kurs halten und die Zinsen weiter so schnell anheben werden, wie bislang erwartet worden war.

          Hat Powell wirklich einen Kursänderung angedeutet?

          Worauf gründen sie ihre Zweifel? Vor allem legen sie gerade die aktuelle Rede des wichtigsten Währungshüters der Welt neben Ausführungen desselben Mannes aus dem Oktober, als Powell sich noch deutlich zuversichtlicher über die Stärke der amerikanischen Wirtschaft äußerte und eben noch befand, dass der Leitzins deutlich unter seinem neutralen Level liege. Für einen Zentralbankchef liegen zwischen beiden Aussagen Welten.

          Mehrere Deutungen machen nun die Runde: Hat Powell wirklich einen Kursänderung angedeutet? Oder wollte er die Aussagen aus dem Oktober bloß korrigieren? Auffällig ist zumindest, dass sich in den vergangenen Tagen schon wichtige amerikanische Notenbanker etwas zurückhaltender geäußert hatten, wenn die Leitzinsen zur Sprache kamen.

          Powells Ausführungen über die Leitzinsen selbst geben keinen weiteren Aufschluss, zu vage waren sie dann doch formuliert. Allerdings finden sich Hinweise in seinen Anmerkungen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten insgesamt – die Konjunktur befindet sich seiner Ansicht nach weiter in einer sehr robusten Verfassung, die Arbeitslosigkeit ist niedrig und werde es bleiben, die Inflation halte sich in Grenzen. Die teils hohe Verschuldung der amerikanischen Unternehmen hält der Notenbankchef indes zumindest für eine mögliche drohende Gefahr, darauf ging er ganz konkret ein – auch von der Höhe der Zinsen hängt schließlich ab, wie leicht es einem Unternehmen fällt, alte Schulden durch neue zu ersetzen.

          Trump wird nicht locker lassen

          Powell selbst nannte keine Unternehmensnamen. Seit Wochen schon ist der mehrere Billionen Dollar große amerikanische Unternehmensanleihemarkt allerdings ein Thema und wird der Name des Industriekonzerns General Electric herumgereicht (Aktienkursentwicklung minus 50 Prozent seit Jahresbeginn) als möglicher Auslöser einer Krise an diesem zentralen Markt. Treten in diesem Bereich größere Verwerfungen auf, dürfte das – so die ziemlich einhellige Auffassung der Marktbeobachter – zumindest eher die Notenbank auf den Plan rufen als beispielsweise ein weiterer zehnprozentiger Wertverlust der Aktien von Apple oder Amazon.

          Klar scheint auch, das geht zumindest aus den ersten Kommentaren amerikanischen Banker und Vermögensverwalter auf die Powell-Rede hervor, dass sich der Kurs der Notenbank erst im nächsten Jahr ändern könnte. Eine weitere Zinserhöhung im Dezember dürfte eine ausgemachte Sache sein. Doch ob im Jahr 2019 vier weitere Leitzinserhöhungen anstehen, wie das derzeit die Ökonomen von Goldman Sachs und JP Morgan denken, scheint nun überhaupt nicht klar, manche Marktpreise signalisieren nun sogar nur eine Anhebung.

          Für Powell wiederum ist all das nicht ohne politische Brisanz: Er und die Notenbank haben ein klares Mandat und dürfen öffentlich nicht den Eindruck erwecken, Druck aus dem Weißen Haus schnell nachzugeben. Sie müssen stets klarmachen, dass harte ökonomische Kennzahlen hinter ihren Entscheidungen stehen und keine Interviews oder Twitter-Mitteilungen des Präsidenten Trump. Der wiederum wird seinerseits nicht locker lassen, weil er eine schwächer werdende Konjunktur derzeit überhaupt nicht brauchen kann – nicht für seine innenpolitischen Ziele, und erst recht nicht für seine Auseinandersetzungen mit China und Europa.

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