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Preis-Rally : Benzin ist jetzt wieder so teuer wie vor der Corona-Krise

Teurer tanken: Die Benzinpreise stiegen laut ADAC jetzt die zehnte Woche in Folge. Bild: dpa

Der Preisanstieg an Deutschlands Tankstellen scheint kein Ende zu finden. Zuletzt war Kraftstoff im Januar vergangenen Jahres so teuer wie derzeit. Was steckt dahinter?

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          Die Preise für Benzin und Diesel sind so hoch wie seit rund einem Jahr nicht mehr. Treiber ist vor allem der Rohölpreis, wie der Autoclub ADAC am Freitag mitteilte. Diesel kostete demnach im Durchschnitt in Deutschland 1,283 Euro je Liter, mit starken Schwankungen im Tagesablauf und je nach Tankstelle. Zuletzt war der Kraftstoff am 22. Januar vergangenen Jahres teurer. Bei Super E10 ist es knapp ein Jahr her: Die 1,395 Euro vom Donnerstag wurden zuletzt am 25. Februar 2020 übertroffen. Laut ADAC ist es die zehnte Woche in Folge, in der sich Kraftstoff in Deutschland verteuerte.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zum Jahreswechsel hatten die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und die Einführung eines CO2-Preises die Preise für Kraftstoffe in Deutschland steigen lassen. Seither aber ist es vor allem die Ölpreis-Rally auf den Weltmärkten, die auch an Deutschlands Tankstellen Auswirkungen zeigt. Am Donnerstag überschritt der Preis der Nordsee-Ölsorte Brent sogar kurzzeitig die 65 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter), nachdem er auf dem Höhepunkt des Lockdown im vorigen März unter 20 Dollar gelegen hatte.

          Am Freitag gab er etwas nach. Zu den Gründen für den Ölpreis-Anstieg gehört vor allem die Erwartung eines Aufschwungs der Weltwirtschaft mit höherem Ölverbrauch nach der Corona-Krise. Zuletzt aber hatte auch der starke Frost in den Vereinigten Staaten die Ölproduktion beeinträchtigt und die Sorge vor Lieferengpässen geschürt.

          „Einige Schätzungen gehen davon aus, dass 40 Prozent der amerikanischen Ölproduktion infolge der extremen Witterung ausgefallen sind“, schreibt Carsten Fritsch, Ölanalyst der Commerzbank. Während diese recht schnell wieder hochgefahren werden dürfte, scheine sich der Blick nun stärker auf die Raffinerien zu richten, die möglicherweise länger brauchen könnten, um ihre Produktion wieder aufzunehmen.

          Bereits im Januar hatte es zudem Signale aus dem Kreis der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) gegeben, die deutlich preistreibend wirkten. Das wichtigste Opec-Land Saudi-Arabien hatte angekündigt, freiwillig im Februar und März die Förderung um eine Million Barrel je Tag zu kürzen. Anfang März ist das nächste Opec-Treffen. „Ich gehe davon aus, dass Saudi-Arabien diese Kürzung dann auslaufen lässt und die Opec insgesamt die Förderquoten von April an um rund 0,5 Millionen Barrel je Tag anheben wird“, sagte Frank Schallenberger, Ölanalyst der Landesbank Baden-Württemberg.

          Während die Commerzbank zwischenzeitlich schon vor zu viel Optimismus am Ölmarkt gewarnt hatte und meinte, es gebe eine selektive Wahrnehmung, die nur noch preistreibende Nachrichten aufnehme, rechnen andere Banken wie Goldman Sachs oder J.P. Morgan noch mit einem weiteren Ölpreisanstieg. Das Corona-Hilfspaket der neuen amerikanischen Regierung sollte stützend auf die Ölpreise wirken, hatten die Goldman-Analysten geschrieben. Manche Fachleute gehen sogar von einem Preisanstieg bis auf 80 bis 100 Dollar je Barrel der Nordseesorte Brent aus. Vorsichtigere Analysten rechnen mit 50 Dollar zum Jahresende. 

          Rohstoff-Fachleute großer amerikanischer Banken wie Citigroup oder JP Morgan sprechen bereits von einem neuen „Superzyklus“ am Rohstoffmarkt insgesamt, einem anhaltenden Preisauftrieb. Auch der Investor Jim Rogers hatte sich in diese Richtung geäußert. Einen solchen hat es zuletzt Anfang des Jahrtausends gegeben - getragen vor allem durch den steilen wirtschaftlichen Aufstieg Chinas. Auch jetzt gibt es Gründe, die für weiter steigende Rohstoffpreise sprechen. Dazu gehören die immense Nachfrage aus aufstrebenden Ländern wie Indien oder die durch viele Industrieländer angestrebte Umstellung der Wirtschaft auf grüne Technologien, was ebenfalls viele Rohstoffe benötigt.  

          Die Superzyklus-Hypothese ist aber umstritten.Eugen Weinberg, Rohstoff-Fachmann der Commerzbank hatte sich da eher skeptisch geäußert. „Ich bezweifle, dass es einen neuen Superzyklus geben wird“, sagte Weinberg. Allenfalls von einem zeitweisen, wenn auch kräftigen Preisanstieg will er sprechen. Über den Fortgang der Corona-Krise bestehe große Unsicherheit, gab Weinberg zu bedenken. Die Frage, wie rasch und stark sich die globale Wirtschaft erholen wird, sei ebenso wackelig wie die künftige Stärke der Rohstoffnachfrage.

          Im Ölsektor kommt hinzu, dass die Bemühungen um das Einsparen fossiler Energie für den Klimaschutz bremsend auf die Nachfrage wirken dürften. Bei den Ölkonzernen hatte es sogar Überlegungen gegeben, ob die Nachfrage nach Öl in aller Welt nach der Corona-Krise womöglich nie wieder das Vorkrisenniveau erreichen wird und der Nachfrage-Höhepunkt ( „Peak demand“) bereits überschritten ist. Das würde preisdämpfend wirken. Diese Diskussion hat die ältere Debatte um „Peak Oil“ abgelöst, in der es darum ging, ob die Ölförderung womöglich lange vor dem Ende der natürlichen Ölvorräte ihr Maximum überschritten haben wird und dann fällt - mit der Folge, dass der Ölpreis steigt.

          Heizöl erreichte bereits am Donnerstag nach Zahlen des Internetportals Heizoel 24 mit gut 62 Euro je 100 Litern den höchsten Preis seit mehr als einem Jahr, am Freitag gab der Preis allerdings leicht nach. „Kunden mit Heizölbedarf sollten sich angesichts der weit hochgelaufenen Rohölpreise überlegen, geplante Käufe auf die kommende Woche zu verschieben“, schreibt das Internetportal Heizoel 24 in seinem Marktbericht: „Mit etwas Glück erschließt sich Abwärtspotential für die hiesigen Heizölpreise.“

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