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500 Milliarden Dollar : Rohstoffkonzerne verdrängen die Angst vor einer Abkühlung

Bild: Bloomberg

Mehr als 500 Milliarden Dollar fließen derzeit in neue Rohstoffprojekte in Australien. Auch die Banken wollen von dem Bergbauboom profitieren.

          5 Min.

          Michael Lucht hat Feuer gefangen. Der Hamburger Projektentwickler für Fondshäuser ist eine gute Woche quer durch Australien gereist, hat Minen besucht und mit Bankern verhandelt. Am Ende der Reise sitzt er entspannt in Sydney in einer Hotelbar und ist sich ganz sicher: "Australien ist Opfer seiner Entfernung von den westlichen Industrieländern. Dabei kann man auch solch eine Distanz heute doch wunderbar überbrücken." Lucht will dies tun und wird sich deshalb bald auf die Suche nach Anlegergeldern machen: "Wir wollen einen oder mehrere geschlossene Fonds auflegen, welche die Projektfinanzierung im Bergwerksbereich zum Ziel haben."

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          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Ist das der rechte Zeitpunkt? Fallen nicht die Rohstoffpreise seit Wochen? Grassiert nicht die Angst, China und Japan würden in den Sog der Krise im Westen geraten? Die großen Bergwerkskonzerne weisen das von sich. Gerade erklärte Weltmarktführer BHP Billiton Analysten, die Preise für eine Tonne Erz könnten zwar von derzeit 170 auf 160 Dollar fallen. Doch bleibe die Nachfrage größer als das Angebot. Andrew Forrest, Gründer von Fortescue Metals Group, des drittgrößten Eisenerz-Lieferanten Australiens, sieht dies genauso: "Es bleibt dabei: Fortescue wird seine Produktion von Erz von 60, 80, 120 auf 155 Millionen Tonnen ausweiten. Und wir werden immer noch Margen zwischen 50 und 100 Dollar je Tonne erzielen, selbst wenn die Preise fallen", sagt er.

          Weiter hohe Nachfrage aus China

          Mike Young, Chef der Eisenerzsparte von BC Iron, macht eine Rechnung für Australiens Erz-Barone auf: "Selbst wenn China langsamer wächst oder gar in die Rezession gleitet, würde eine riesige Nachfrage offenbleiben." Tom Albanese, der Vorstandschef des Rohstoffriesen Rio Tinto, ergänzt: "Das Nachfragewachstum in China bleibt hoch, weil sich die Provinzstädte entwickeln." Die Konzerne gehen davon aus, dass China in diesem Jahr den Rekord von gut 700 Millionen Tonnen Stahl kochen werde.

          Bis Ende August lag der Jahreswert bei 496,3 Millionen Tonnen. Und dies trotz der Rekordpreise für Koks und Erz. Bis zum Jahresende 2020 werde die Produktion auf 935 Millionen Tonnen zulegen, erwarten die Analysten der Citibank. Mit Produktionskosten von rund 50 Dollar je Tonne bleibt den Rohstoffkonzernen da genug Luft nach unten, sollte der Nachfragedruck geringer werden. Außerdem fordern die Australier ein genaueres Hinsehen: Während die Preise für Kupfer um 23 Prozent, für Öl um 32 Prozent nachgegeben haben, seit der Aktienmarkt im Frühjahr seinen Höhepunkt in Sydney markierte, notiert der Preis für Eisenerz nur 7 Prozent niedriger. Australiens Rohstoffminister Martin Ferguson ist gerade durch Asien gereist, um einen drohenden Abschwung rechtzeitig zu erspüren - und kam bester Laune zurück. "Aus australischer Sicht sind wir prima aufgestellt. Dies ist das asiatische Jahrhundert, wir liegen mitten drin und müssen nur zupacken."

          Kumpel als Klienten

          Zupacken will auch Lucht. Denn die Minen brauchen riesige Laster oder auch Großbagger für den Tagebau. Anleger sollten mindestens 10 000 Euro mitbringen und Geduld. "Damit ließe sich ein Fonds im Volumen zwischen 25 und 200 Millionen Dollar auflegen. Darüber hinaus würden wir zur Investmentbank, und das will ich nicht. Unsere Risiken müssen überschaubar bleiben, auch für Anleger", sagt Lucht, der auch als ehrenamtlicher Handelsrichter arbeitet. Einen Partner "down under" hat er mit der ANZ Bank gefunden. Sie sieht sich nach passenden Unternehmen um, die eine Finanzierung der teuren Maschinen und Anlagen außerhalb ihrer Bilanz brauchen. "Bislang haben die australischen Banken diesen Markt übersehen. Die sind klassisch angelsächsisch vorgegangen mit direkten Finanzierungen", sagt Lucht. Er strebe für seine Anleger eine Rendite von bis zu 8 Prozent an. Er hofft, Mitte nächsten Jahres den ersten Fonds anbieten zu können.

          Lucht ist nicht der Einzige aus dem Finanzsektor, der die Witterung des australischen Rohstoffmarktes aufnimmt. Die australischen Banken selbst entdecken die herausragend verdienenden Kumpel und Ingenieure in den Minen Australiens als Klienten. Denn während der Durchschnittsverdienst der Australier bei 58 000 australischen Dollar jährlich liegt, beträgt er in den entlegenen Bergbausiedlungen wie Newman oder Port Hedland 118 000 australische Dollar. Gewerkschaften in der Rohstoffhauptstadt Perth forderten gerade 142 000 Dollar (102636 Euro) Jahresverdienst für Zimmerleute, die eine 45-Stunden-Woche arbeiten.

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