https://www.faz.net/-gv6-8wq5s

Aggressive Investoren : Geschäftsmodell Unruhestifter

Nach Batmans fiktiver Heimatstadt hat sich einer der aggressivsten Investoren der Welt benannt: „Gotham City Research“. Bild: Allstar/Warner Bros.

Das Ganze klingt nach einem Thriller aus Hollywood: Dubiose Investoren attackieren deutsche Firmen und bringen die Kurse zum Absturz. Spinnen die eigentlich?

          6 Min.

          Gotham City ist kein Ort, in dem man nachts gerne allein spazieren gehen würde. Die fiktive Stadt, die dank der Comics und Filme über Superheld Batman dem Publikum in der ganzen Welt bekannt ist, ist düster und gefährlich, hinter jeder Ecke lauert der Tod. In ihren Gassen, in denen die Polizei schon lange nichts mehr zu sagen hat, hält nur einer die Verbrecher in Schach: Batman, ein Mann im Fledermauskostüm, der einen Kriminellen nach dem anderen zur Strecke bringt.

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sich bei dieser eigenartigen Schattenwelt an die Finanzmärkte erinnert zu fühlen erfordert einiges an Vorstellungsvermögen. Für Daniel Yu aber scheint die Nähe offensichtlich zu sein: Der Mann, der in den vergangenen Tagen die deutsche Finanzszene aufgemischt hat, ist Chef eines Unternehmens mit dem bezeichnenden Namen „Gotham City Research“. Aber außer seiner offensichtlichen Vorliebe für Batman weiß die Welt so gut wie nichts über ihn. Er zeigt sein Gesicht nicht, gibt nichts Persönliches preis und kommuniziert mit Journalisten höchstens per E-Mail, wenn überhaupt.

          Trotzdem hat Yu es geschafft, deutsche Anleger in höchste Aufregung zu versetzen. Ende März veröffentlichte er einen 68 Seiten starken Bericht, der schwere Vorwürfe gegen ein deutsches Finanzunternehmen enthielt: Die Beteiligungsgesellschaft Aurelius, die angeschlagene Firmen kauft, diese saniert und sie möglichst zu einem höheren Preis wieder verkauft, betreibe Bilanzkosmetik, lautete die Anschuldigung. Die Aktie verlor daraufhin fast die Hälfte ihres Wertes. Auch wenn Aurelius die Vorwürfe mehrfach scharf zurückwies, hat sich der Aktienkurs seitdem nur leicht wieder erholt.

          Deutsche Firmen sind leichte Beute

          Übersetzt man dieses seltsame Duell zwischen einem mysteriösen Investor und einer nur in Fachkreisen bekannten deutschen Beteiligungsgesellschaft in die Welt von Gotham City, würde sich Daniel Yu vermutlich folgende Interpretation zu eigen machen: Wieder einmal hilft Batman dabei, dass Betrügern das Handwerk gelegt wird. Der Aurelius-Vorstand hingegen würde dagegen wohl die umgekehrte Perspektive für sich reklamieren, dass man in den dunklen Gassen von Gotham City selbst Opfer eines Betrügers geworden sei.

          Wer recht hat, ist längst noch nicht ausgemacht, auch wenn viel dafür spricht, dass viele Anschuldigungen Daniel Yus in dieser Schärfe nicht zutreffen. Die Auseinandersetzung, mit der sich mittlerweile auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin beschäftigt, wirft zwei grundsätzliche Fragen auf. Die erste lautet schlicht: Geld verdienen, wenn der Kurs einer Aktie fällt – wie funktioniert das? Die zweite Frage dagegen ist moralischer Natur: Ist es in Ordnung, aus den Schwierigkeiten anderer Profit zu schlagen – und dabei noch nicht einmal sein Gesicht zu zeigen? Die Antwort auf die zweite Frage kann durchaus „ja“ lauten.

          Attacken laufen nach gleichem Muster ab

          Es geht bei alledem nicht nur um Gotham City. Deutschland hat in den vergangenen Monaten gleich mehrere Attacken ähnlicher Art erlebt. Im April 2016 ging die kalifornische Gesellschaft „Muddy Waters“ (trübe Wasser) auf die Werbefirma Ströer los. Zwei Monate vorher hatte eine Gesellschaft namens Zatarra Research (Zatarra ist eine Figur aus der Romanverfilmung „Der Graf von Monte Christo“) den Zahlungsabwickler Wirecard an den Pranger gestellt.

          Alle Attacken liefen nach dem gleichen Muster ab: Jedes Mal legte ein Research-Bericht (für alle anderen Investoren im Internet einsehbar) die vermeintlichen Schwachstellen des jeweiligen Unternehmens offen. Jedes Mal wählten die Angreifer ein Unternehmen, das an der Börse auf keine zu hohe Marktkapitalisierung kommt – denn dann lässt sich der Kurs leichter beeinflussen. Und jedes Mal konnte man sich sicher sein, dass die Firmen mit der Attacke überhaupt nicht gerechnet hatten. Erfahrung in Krisenkommunikation hatten sie ohnehin nicht. Anders gesagt: Es handelte sich um leichte Beute.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch in Brüssel

          Verteidigungsplanung der NATO : Die Kunst flexibler Abschreckung

          Die NATO richtet ihre Verteidigung auf hybride Kriegsführung aus. Nun wird ermittelt, was die Mitglieder dafür können müssen. Das ist auch für die nächste Bundesregierung von Bedeutung.
          IWF-Chefökonomin Gita Gopinath

          Führungswechsel : Chefvolkswirtin verlässt den IWF

          Gita Gopinath geht zurück an die Harvard-Universität. Ihr Rücktritt erfolgt in einer Zeit, in der die Chefin des Währungsfonds in der Kritik steht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.