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Zwickauer Terrorzelle : Offenbarungseid

Jetzt soll die Bevölkerung neue Hinweise zur Zwickauer Terrorzelle liefern. Damit werden die versäumten Jahre nicht wieder gut gemacht. Es fehlt an Orientierung.

          So etwas hat die Nation noch nicht gesehen: Der Generalbundesanwalt und der Präsident des Bundeskriminalamts laden zur gemeinsamen Pressekonferenz. Und an so etwas erinnern sich nur die Älteren: Die Ermittlungsbehörden bitten die Bevölkerung um Mithilfe bei einer Terrorfahndung. Fahndungsplakate werden verteilt. Wer hat Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos wann und wo in den vergangenen dreizehn Jahren gesehen?

          Keine Panik auf der Titanic?

          Die Ermittler haben von den dreien, die als Kern der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ gelten, jedenfalls nichts gesehen. Nun werden 2500 Asservate gesichtet, zehn Staatsanwälte und 420 Kriminalbeamte sind im Einsatz - aber erst nach den bislang bekannten zehn Mordfällen, zwei Sprengstoffanschlägen und einem Dutzend Banküberfällen. Es ist schon absurd mitanzusehen, wie geschäftsmäßig und scheinbar routiniert das große Versagen abgehandelt wird.

          Alle Fragen bleiben offen, vor allem die, wie es den Tätern gelingen konnte, von der Bildfläche zu verschwinden. Diese hätten nichts dem Zufall überlassen, sagt der BKA-Präsident Jörg Ziercke. Die Menschen, deren Namen auf der „Achtundachtziger-Liste“ stehen, welche die Polizei im Unterschlupf der NSU fand, hätten jedoch nichts zu befürchten. „Wir gehen davon aus, dass es keine aktuelle Bedrohung gibt.“ Warum soll ausgerechnet das jetzt jemand glauben? Wie viele Unterstützer mögen die drei Rechtsterroristen gehabt haben? Wie viele sind noch auf freiem Fuß? Was weiß der Verfassungsschutz? Was ist mit den V-Männern und der Verstrickung der NPD? Keine Panik auf der Titanic?

          Das muss niemand mehr verstehen

          Den Ermittlern, das macht diese Pressekonferenz deutlich, fehlt es nicht nur an auf Vorrat gespeicherten Telefondaten, was der BKA-Präsident beklagt, es fehlt ihnen grundlegend an Orientierung. Es ist ihnen nicht irgendeine kriminelle Gruppe verborgen geblieben, sondern ein rechtsextremistisches Terror-Geflecht. Und es hat kein Ende mit den Pannen: Denn genauso wie den Hinterbliebenen der türkischen Mordopfer, die seinerzeit von der Polizei verdächtigt wurden, ergeht es jetzt den Angehörigen der in Heilbronn ermordeten Polizistin.

          Hatte der BKA-Präsident Ziercke doch vor dem Innenausschuss des Bundestages von einer „Beziehungstat“ gesprochen. Also marschierten Kohorten von Kamerateams gen Oberweißbach in Thüringen, um im Heimatort der Ermordeten nach den ominösen „Beziehungen“ zu suchen. Nun will Ziercke den Begriff „Beziehung“ nur als örtliche Verbindung zwischen Tätern und Opfer verstanden wissen. Das aber muss nun wirklich niemand mehr verstehen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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