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Zweihundertster Jahrestag : Im Schatten der Völkerschlacht von Leipzig

Nur von oben zeigt sich das ganze optische Virtuosentum von Yadegar Asisis neustem Panoramabild: hier der Blick nach Südwesten im Leipzig der Völkerschlacht Bild: dpa

In zwei Monaten stehen die Gedenkfeiern zum zweihundertsten Jahrestag der Völkerschlacht an. Schon jetzt aber gibt es in Leipzig selbst und in Dresden Präsentationen, die vor allem auf eines setzen: Anschaulichkeit.

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          Im Oktober jährt sich zum zweihundertsten Mal die Völkerschlacht bei Leipzig. Dieses Ereignis war schon in den Wahrnehmungen der Zeitgenossen so groß, dass es alles überschattete, was es in der Stadt, in Sachsen, in Deutschland, ja selbst in Europa im Jahr 1813 sonst noch gegeben hatte. Nach vier Kampftagen mit 600 000 Soldaten blieben fast 100 000 Tote in der Umgebung einer Stadt zurück, die damals nur 38 000 Einwohner zählte. Napoleon mitsamt seinen deutschen Vasallen war vor Leipzig von den verbündeten Gegnern (Russen, Preußen, Österreicher, Schweden und Briten) geschlagen worden. Schon wenige Wochen später waren alle früheren Alliierten des Kaisers der Franzosen zum Feind übergegangen, und Napoleon selbst musste sich ins eigene Land zurückziehen, wo er 1814 entthront wurde.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Leipzig steht wie eine Chiffre über diesem Niedergang - so wie zwei Jahre später Waterloo den gescheiterten Versuch des Kaisers symbolisieren sollte, noch einmal zum mächtigsten Herrscher Europas aufzusteigen. In Waterloo wurde 1815 aber lediglich die „Herrschaft der hundert Tage“ beendet; die Völkerschlacht brachte dagegen einen Eroberungszug zum Stehen, der seit 1799 im Gang war, als Napoleon Bonaparte per Staatsstreich die Macht in Frankreich erobert hatte. Fortan überzog er ganz Europa mit Krieg, und auch noch das Jahr 1813 sah weitaus mehr Kampfgeschehen und Kampfgeschrei als nur die Völkerschlacht.

          In der Ausstellung „Kanonenknall und Hausidyll“ zeigt das Museum Alltagsgegenständen aus der Zeit zwischen der Französischen Revolution und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

          Die Stadt, die in jenem Entscheidungsjahr am meisten unter dem Krieg zu leiden hatte, war auch nicht Leipzig, sondern Dresden. Dort residierte Friedrich August I., von Napoleon erst 1806 zum König von Sachsen erhoben und Frankreich seitdem ein treuer Verbündeter. Doch nach dem Verlust nahezu der gesamten kaiserlichen Streitmacht im Russlandfeldzug von 1812 beobachtete der sächsische König mit Sorge, ob es Napoleon noch einmal gelingen würde, in Frankreich eine neue Armee aufzustellen. Im Februar 1813 verließ Friedrich August deshalb seine Hauptstadt Dresden, die danach zum Spielball der Kriegsparteien wurde.

          Erst hielten französische Soldaten die Stadt besetzt und sprengten im März die altehrwürdige Elbbrücke, um die heranrückenden Feinde aufzuhalten. Nur wenige Tage danach rückten Russen und Preußen ein, ehe sie wiederum Anfang Mai vom tatsächlich mit Verstärkung zurückgekehrten Napoleon vertrieben wurden. Und nach einem sommerlichen Waffenstillstand wurde die erste große Schlacht nach Wiederausbruch der Feindlichkeiten am 26. und 27. August in und um Dresden geschlagen - mit immerhin 21 000 Toten bei mehr als 300 000 Beteiligten. Da siegte noch einmal Napoleon, zum letzten Mal auf deutschem Boden, dann kam die Wende der Völkerschlacht. Doch Dresden blieb noch bis zum 11. November von den Franzosen besetzt. Die Alliierten belagerten die Stadt, die Bevölkerung hungerte.

          Leipzig läuft sich langsam warm

          An diese neun furchtbaren Monate des Jahres 1813 in der sächsischen Hauptstadt erinnert derzeit eine Ausstellung im Stadtmuseum Dresden, die noch genau so lange läuft, wie man sich Interesse für diesen scheinbaren Nebenkriegsschauplatz erhofft, nämlich genau bis zur Woche des Völkerschlachtjubiläums und der dann öffnenden großen Leipziger Gedächtnisausstellung.

          Der Weg nach Dresden lohnt aber - nicht nur, um einen Sattel und Reitstiefel zu sehen, die beide von Napoleon in der Schlacht vom 26. August 1813 benutzt wurden, sondern vor allem, um einen Blick in den Alltag einer Stadt unter Kriegsrecht zu tun. Vom Leiden der Leipziger künden ganze Bücher, über den grässlichen Hunger der Dresdner im November weiß man nichts. In ihrer Stadt mit damals 50 000 Einwohnern starben 1813 und auch noch 1814, als die durch die Kämpfe ausgebrochenen Seuchen weiterwüteten, mehr Zivilisten als in Leipzig.

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