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Zwei Mittelalter-Ausstellungen : Was trieb den Kaiser nach Crotone?

Blick in die Kaiserpfalz Memleben Bild: Tim Hunfnagl

Die Welt des Chronisten Thietmar ist uns nah wie eine Kinderzeichnung: Zwei Ausstellungen in Merseburg und Memleben führen ins Hochmittelalter – doch nur eine von beiden lässt die Epoche sprechen.

          Man muss nur eine beliebige Stelle in Thietmars Chronik aufschlagen, um zu begreifen, was diesen vor tausend Jahren gestorbenen Autor so einzigartig macht. Wir sind im Jahr 982: Otto II. zieht gegen die Sarazenen in Unteritalien, sie stellen sich seinem Ritterheer am Cap Colonna bei Crotone und werden geschlagen. „Sie aber sammelten sich unerwarteter Weise wieder und griffen die Unseren mit vereinter Gewalt an, die nun nach geringem Widerstande wichen.“ Der Kaiser entkommt aus dem Gemetzel an die Küste, er nimmt das Pferd seines jüdischen Leibarztes und reitet stracks ins Meer, wo ein byzantinisches Schiff in der Dünung treibt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber der Kahn fährt vorüber, ohne auf sein Rufen zu reagieren. Als er an den Strand zurückkehrt, sieht er die Verfolger näher kommen, der Leibarzt ringt die Hände, der Kaiser ist verzweifelt; da dümpelt ein zweites Byzantinerschiff heran. Ottos treuer Dienstmann Zolunta ist an Bord, der Kaiser ist gerettet. Doch jetzt wollen die Byzantiner Lösegeld. Otto verspricht ihnen goldene Berge, wenn sie nur erst nach Rossano kämen, und der Kapitän „gab voll Wohlgefallens diesen süßen Worten nach“. Und wirklich, in Rossano liegen, von der Kaiserin persönlich begleitet, Boote voller Geldsäcke im Hafen; sie rudern herbei, der Bischof von Metz geht an Bord, um die Übergabe vorzubereiten, da stürzt sich Otto, „auf seine Körperkraft und Schwimmkunst vertrauend“, in die Wellen, wird aufgefischt und macht sich mit seinen Begleitern davon. „Und so sahen sie, die an List beständig alle anderen Nationen übertroffen hatten“ – also die Griechen – „sich nun selbst durch einen ähnlichen Kunstgriff getäuscht.“

          Abguss einer Brunnenfigur, die den Merseburger Bischof Thietmar zeigt.

          Die Welt des Thietmar von Merseburg mag uns ferner liegen als der Mond, sein Blick auf sie aber ist uns nah wie eine Kinderzeichnung. Überall, wo er hinschaut, sieht er Gründe zum Staunen, zum Fürchten, zum Zweifeln, mit einem Wort: zum Erzählen. Ein Mann kann nicht schlafen und läuft in die Kirche, wo die Toten eine Messe feiern; bald darauf stirbt er selbst. Eine Burg der Slawen ist mit hölzernen Idolen behängt wie ein Weihnachtsbaum. Heinrich I. beschläft am Gründonnerstag, „vom Teufel getrieben, seine heftig widerstrebende Gemahlin“ und löst damit den ewigen Familienzwist unter den Ottonen aus. Zwei Grafen tragen einen Zweikampf aus; der eine, scheinbar Sieger, bricht vom Schlag getroffen zusammen, worauf der andere enthauptet wird. Überall Wunder, Skandale, Kuriosa, und mittendrin Thietmar, ein Männlein mit gebrochener Nase und einer Fistel im Gesicht, „ein Schlemmer und Heuchler, Geizhals und Verleumder“, wie er von sich selber sagt, bevor er demütig um unsere Aufmerksamkeit bittet: Wir mögen an ihn denken und für sein Seelenheil beten, solange die Welt besteht – oder so lange jedenfalls, wie wir lesen, was er geschrieben hat.

          Thietmars Feinde: slawisches Holzidol aus der Uckermark

          Die Ausstellung in Merseburg, die diesen Mann und seine Welt vergegenwärtigen will, steht vor dem Problem, dass sie eine fast bilderlose Zeit bebildern muss. Es ist das Dilemma aller Mittelalterausstellungen; in Merseburg wird es dadurch verschärft, dass die Kuratoren alles, was sie am Ort haben, schon bei früheren Gelegenheiten gezeigt haben, etwa beim Jubiläum der Bistumsgründung oder zuletzt zur Tausendjahrfeier des Doms. So wird auch jetzt wieder die Grabplatte Thietmars in der linken Seitenkapelle als Exponat geführt, auch wenn das steinerne Porträt, das einmal – vermutlich erst seit dem dreizehnten Jahrhundert – auf ihr prangte, längst bis zur Unkenntlichkeit abgerieben ist.

          Schweigsame Ausstellung

          Und auch die Bischofskasel, der Prachtmantel aus rotem byzantinischen Seidenstoff, an den kurz vor 1200 eine noch ältere Schmuckborte angenäht wurde, dient abermals zur Beschwörung einer entlegenen, diesmal thietmarschen Zeit. Nur dass Thietmar selbst, der in seiner Chronik von einer Kasel berichtet, die ihm Heinrich II. zu seiner Bischofsweihe im Jahr 1004 geschenkt hat, den Mantel trotzdem nicht getragen hat; dafür ist er, obwohl sehr alt, immer noch zu jung. Die bestickte Stola, die im selben Raum, der Südklausur am Kreuzgang des Doms, ausgestellt ist, könnte dagegen durch seine Hände gegangen sein; aber sie stammt aus Neumagen im Rheinland, vom anderen Ende des Reichs. Sachsen-Anhalt war Grenzmark in ottonischer Zeit, hier sammelten sich Dinge und Menschen im Dienst der Slawenmission. Den umgekehrten Weg nach Westen ging selten ein Objekt.

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