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Zwei Mittelalter-Ausstellungen : Was trieb den Kaiser nach Crotone?

Der einzige Gegenstand der Schau, den Thietmars Hand ganz sicher berührt hat, liegt als bräunlicher Klumpen in einer Vitrine der Willi-Sitte-Galerie vor der Westseite des Doms, die den Merseburgern als Wechselausstellungshaus dient. Es ist das Original seiner Chronik, das bei Löscharbeiten nach der Bombardierung Dresdens schwer beschädigt wurde. Um dieses zerstörte Pergament (und seine Ableger, darunter eine Brüsseler Handschrift aus dem fünfzehnten Jahrhundert) kreist die Merseburger Ausstellung, und das ganz zu Recht, denn Thietmars Schrift ist die Landkarte seiner Welt. Aber so, wie es die Ausstellung anstellt, ist es dennoch falsch, denn sie folgt nur dem Buchstaben, nicht dem Geist von Thietmars Text.

Sie trägt Dinge zusammen, die sich mit Personen und Orten aus der merseburgischen Chronik verbinden lassen – ein Medaillon mit dem Bild Heinrichs I., des Begründers der Ottonendynastie, eine Elfenbeintafel aus Paris, die Otto II. und seine Gemahlin Theophanu zeigt, einen Dachziegel aus der Kaiserpfalz in Derenburg, einen Weihwasserkübel aus Mailand, der zur Ottonenzeit in Gebrauch war, die vergoldete Windfahne eines Wikingerschiffs und anderes mehr. Manche der Objekte, wie der hölzerne Kübel oder die Silberschale aus Włocławek sind große Kunstwerke, andere historisch bedeutsame Doubletten (wie die Kopien der Wiener Reichskrone oder eines goldenen Altarvorsatzes von 1020), aber keines bringt die Epoche, von der Thietmar erzählt, zum Sprechen.

Geschichte des Mönchswesens in Sachsen-Anhalt

Dabei fehlt es nicht an kuratorischem Ehrgeiz: Katalog, Objekttexte und Medienstationen sind, wie bei den Projekten der Vereinigten Domstifter üblich, auf dem neuesten Forschungsstand. Aber die Kuratoren haben sich von ihrem Gegenstand blenden lassen. Sie folgen Thietmars Text chronologisch, statt ihn räumlich zu erschließen. Denn wo saßen Wenden, Polen, Böhmen und Liutizen seinerzeit, wen beteten sie an? Wie kam es, dass der Schwerpunkt des Ottonenreichs sich nach Süden verschob, nach Mailand und Rom? Was trieb den Kaiser nach Crotone? Das zerstrittene Europa von heute hieß damals „Christenheit“, aber deshalb war der Streit um seine Grenzen nicht weniger bedeutsam, und Thietmar hat ihn an vorderster Front miterlebt. Jede historische Ausstellung handelt von Welten, aber diese hätte die Chance gehabt, ein ganzes Weltbild nachzuzeichnen – einen Kosmos aus vermischten Meldungen, Nachrufen, Klatsch, Träumen, Haupt- und Staatsaktionen, Bibelstellen und Horaz-Zitaten. In Merseburg begnügt man sich damit, Stichworte zu illustrieren. In den Ausstellungssälen, die mit wandfüllenden Faksimiles von Thietmars Werk behängt sind, raschelt schon das Papier des Katalogs.

Was in Merseburg mit großem Einsatz misslingt, ist nur eine Autostunde entfernt in Memleben mit vergleichsweise schlichten Mitteln geglückt. Der langatmige Titel „Wissen und Macht – Der heilige Benedikt und die Ottonen“ nährt die Befürchtung, auch hier werde ein historischer Themenpudding an die Wand genagelt. Aber die Ausstellung im ehemaligen Benediktinerkloster an der Unstrut will nicht mehr, als die Geschichte des Mönchswesens in Sachsen-Anhalt zu erzählen, von den Ursprüngen im Frühmittelalter bis zum Untergang in der Reformation. Auch hier gibt es kostbare Handschriften, Altarbilder und Kirchengold, aber es gibt auch ein Tischpanorama, das die Ausbreitung des Klosterwesens als Lichtinstallation sichtbar macht, eine Europakarte, auf der das ottonische Familiennetzwerk mit Puzzleteilen nachgestellt wird, und eine Hörstation, in der heutige Mönche über ihre Glaubenserlebnisse sprechen. Für Museumsleiter alten Schlages sind das alles rote Tücher, aber in Memleben sieht man, dass man ein Thema populär aufbereiten kann, ohne es zu entstellen. Denn die Ausstellung hält ja niemanden davon ab, in die Tiefe der Bibliotheken zu tauchen, um ihre Spuren weiter zu verfolgen; im Gegenteil, sie regt dazu an. Mehr kann man sich nicht wünschen, tausend Jahre nach Thietmar, mitten in einer unruhigen, unübersichtlichen, staunenswerten Welt.

Thietmars Welt – Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte. In Dom und Willi-Sitte-Galerie, Merseburg; bis zum 4. November. Der Katalog kostet 39,95 Euro.

Wissen und Macht – Der heilige Benedikt und die Ottonen. In Kloster und Kaiserpfalz, Memleben;bis zum 15. Oktober. Ausstellungsführer 9,95 Euro.

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