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Zwei Dörfer streiten um Thomas Bernhard : Neues Festival für einen Großdichter

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In Goldegg gibt es einen abgelegenen Ortsteil namens Weng, damals nur über einen Schotterweg erreichbar, düster im Winter, ein enges Tal. Mit „Frost“ kam für Bernhard der Durchbruch, aber in Goldegg hat es viel Staub aufgewirbelt, weil er die Bevölkerung als Inzuchtverein schildert, der nichts als Sex und Saufen im Kopf hat und durchschnittlich nur ein Meter vierzig groß ist. Carl Zuckmayer hat im Vorwort zu „Des Teufels General“ geschrieben, Personen und Handlung seien frei erfunden, er sei aber sehr wohl durch in der Realität vorhandene dazu angeregt worden. Und so war es auch bei Bernhard. Für den „Maler Strauch“, den Protagonisten in „Frost“, hat er sich durch den in St. Veit im Armenhaus lebenden Maler Rudolf Holz anregen lassen.

Erzählen Sie von seinem Lebensmenschen Hedwig Stavianicek.

Ohne die Stavianicek, glaube ich, wäre er nicht berühmt geworden. Sie hat ihn in die Wiener Künstlerkreise eingeführt, sie hat ihm sicher das Studium am Mozarteum bezahlt. Als vermögende Witwe eines Ministerialbeamten ging das. Außerdem stammte sie aus der Industriellenfamilie Hofbauer, die Fabriken in Tschechien hatte. Sie hat betrieben, dass er in Salzburg als Gerichtsreporter und Theaterkritiker eine Chance bekam, aber er ist natürlich gleich angeeckt dort. Sie hat ihm immer das Nötige gegeben, aber um keinen Cent zu viel. Er war meist knapp bei Kasse. Die Stavianicek war selbst sehr diszipliniert, und sie hat ihn diszipliniert. Er hat bei ihr schon gehorchen müssen.

Was muss man sich unter dem Etikett „Lebensmensch“ vorstellen?

Das war eine Beziehung zwischen Ziehmutter und Ziehsohn, davon bin ich zu hundert Prozent überzeugt, auch wenn mich viele auslachen und sagen, das war seine Lebensgefährtin. Sie hatten immer getrennte Zimmer. Als Jugendlicher war ich für solche Dinge besonders sensibel - wenn da etwas gelaufen wäre, hätte ich es bemerkt. Aber da war nichts. Sie haben sich die längste Zeit gesiezt, teilweise in der dritten Person miteinander geredet: „Thomas, komm er endlich!“

St. Veit veranstaltet am 12. und 13. Oktober schon den achtzehnten Jahrgang der Thomas-Bernhard-Tage. Im Ort gibt es einen Thomas-Bernhard-Wanderweg. Was sagen Sie zur neuen Konkurrenz in Goldegg?

Der Bernhard hat mit Goldegg wenig zu tun. In späteren Jahren ist er manchmal mit der Stavianicek im Postauto, selten im Taxi - dazu war sie zu sparsam - hinaufgefahren und zurückspaziert. Manchmal ist er auch zum Essen hinauf, aber eine echte Beziehung zu dem Ort hatte er nie.

Ist das dann nicht Trittbrettfahrerei?

Na ja. St. Veit konzentriert sich auf Vorträge über Leben und Werk des Dichters, in Goldegg machen sie jetzt Lesungen. Das war uns zu teuer, ein guter Schauspieler kostet einfach. Außerdem verlangt der Suhrkamp Verlag Tantiemen für eine Lesung - was für mich widersinnig ist. Aber so sind die einfach. Es wird die Frage sein, ob Goldegg das auf Dauer durchhält, ob die Veranstalter genügend Subventionen bekommen. Bei uns haben ein paar Leute aufgeschrieen, aber an und für sich ist nichts dagegen einzuwenden. Den Termin hätte man allerdings besser abstimmen können.

Gehen Sie trotzdem hin?

Ja, sicher.

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