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Zwanzig Jahre Guggenheim : Wildes Haus

  • -Aktualisiert am

Ein gigantischer, in einen noch gigantischeren Häcksler geratener Walfisch am Fluss Nervión: Wie soll man darin Kunst ausstellen? Bild: dpa

Ein Haus, das sich selbst Kunstwerk genug ist, machte Schule: Landauf, landab setzte man auf den Bilbao-Effekt. Was ist nach zwanzig Jahren davon geblieben?

          Vor genau zwanzig Jahren wurde in einer baskischen Hafenstadt ein Gebäude eröffnet, das nicht nur die Architekturgeschichte veränderte, sondern einen neuen Begriff etablierte: den „Bilbao-Effekt“. In der gleichnamigen, vom Strukturwandel stark gebeutelten Stadt hatte Frank O. Gehry unter Zuhilfenahme sämtlicher damals verfügbarer Computerprogramme für das New Yorker Guggenheim-Museum eine Filiale entworfen, die in dieser Form zuvor überhaupt nicht rechen- und baubar war.

          Das „Guggenheim Bilbao“ lag wie ein gigantischer, in einen noch gigantischeren Häcksler geratener Walfisch am Fluss Nervión; innen erinnerte es an eine zerklüftete Kathedrale. Es war zwar nicht einfach, in den schwingenden, verkanteten Räumen, die die kurvende und zuckende Form übrig ließ, Kunst auszustellen. Aber die Kunst wirkte dort plötzlich ohnehin nur noch wie Zierrat, der die eigentliche Sensation dekoriert, nämlich die silbrig schimmernde Architektur. So gesehen, war es symptomatisch, dass eines der größten Kunstwerke, die man in Bilbao zu sehen bekam, die Tulpen von Jeff Koons waren.

          Die Kunst hat wieder eine Chance

          Die Menschen eilten von weither, allein um den Bau zu sehen, so wie sie zu Hunderten an den Strand eilen, um einen angetriebenen Riesenwal zu bestaunen: Der Grund zu kommen ist das Ungeheuerliche, nie Gesehene, die kaum zu glaubende Form des Museums, nicht so sehr sein Inhalt. Für Bilbao hat sich die staatlich bezuschusste Investition in die größte Skulptur, die das Guggenheim je ausstellte, gelohnt: Aus der siechen Hafenstadt wurde ein prosperierendes internationales Touristenziel.

          Seitdem ist, wenn es darum geht, mit spektakulären Kulturbauten Standortpolitik zu betreiben, eben vom Bilbao-Effekt die Rede, und eine Zeitlang knallte jede Region, die ihre Besucherzahlen steigern wollte, ein möglichst auffälliges architektonisches Ausrufezeichen in die Landschaft: Für das Centre Pompidou in Metz bastelte Shigeru Ban einen gewaltigen Hut, der Autohersteller BMW ließ sich von Coop Himmelblau einen eingefrorenen Tornado errichten, jeder Kleinstadt-Bürgermeister träumte von einem Spaßbad in Bilbao-Optik.

          Doch nutzte sich der Effekt schnell ab. Viele Gemeinden leiden darunter, dass sie sich im ersten Bilbao-Fieber eine Art Gehry für Arme bauen ließen, der hohe Kosten verursacht und auf die Vorbeifahrenden mittlerweile so wirkt, wie wenn jemand jeden Morgen denselben schrillen Witz erzählt. In der Museumsarchitektur ist, wenn man von ein paar Wüstenstaaten absieht, unterdessen eine scharfe Kehrtwende zu beobachten – weg vom ikonischen Superzeichen, in das man die Kunst hineinstopfen muss wie die Koffer in einen spektakulär geformten, aber unpraktischen Sportwagen, hin zu dem, was das Museion in der Antike einmal war: kein spektakulärer Tempel, sondern ein ganzer Stadtbezirk, ein Ensemble aus mehreren Gebäuden, eine Gegenwelt, die eher einem Stadtviertel für die Künste ähnelt.

          Die Ausstellungsbauten der Fondazione Prada in Mailand, aber auch die Filiale des Louvre im nordfranzösischen Lens sind zwei Beispiele für diese Abkehr vom Superzeichen. In diesen neuen Museumslandschaften hat die Kunst wieder bessere Chancen. Als Kunstwerk aber und zugleich folgenreichstes und größtes Exponat glitzert die alles überstrahlende, blendend silbrige Hülle des Guggenheim-Museums in Bilbao so unglaublich wie vor zwanzig Jahren.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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