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Zwangsrekrutierung beim IS : Mordrausch und Heiratsglück

  • -Aktualisiert am

Der anonyme Verband des IS wird zunehmend brüchig. Bild: AFP

Sadisten besonders erwünscht: Von Deserteuren der islamistischen Terrormiliz hat man jetzt erfahren, wie der IS seine Leute rekrutiert. Es ist schauerlich und bizarr.

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          Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ist mittlerweile Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Ihre Schreckensherrschaft wird immer häufiger mit einem im Entstehen begriffenen Staatswesen assoziiert. Doch was verbirgt sich wirklich hinter der geschickt aufgebauten Propagandafassade dieser Mörderbande, die von islamischen Fanatikern und ehemaligen Folterknechten des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein geführt wird? Terrorismusforscher meinen neuerdings einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können, indem sie die Aussagen von IS-Deserteuren auswerten, die der Terrormiliz wegen ihres mörderischen und korrupten Charakters den Rücken gekehrt haben. Das neue Forschungsfeld ist aber besonders dort problematisch, wo die Befragten aus Furcht darauf bestehen, anonym zu bleiben. Zudem können die Forscher, die die Interviews in den seltensten Fällen selbst führen, den Wahrheitsgehalt der Berichte kaum überprüfen.

          Dazu sind wahrscheinlich auch nicht einmal Geheimdienstler in der Lage, die ihrerseits IS-Rückkehrer in die Mangel nehmen, ohne dass die Öffentlichkeit allzu viel davon erfährt. Aber um solche desertierten Dschihadisten, denen der Prozess gemacht wird, geht es in einer der Pionierarbeiten des neuen Forschungszweiges nicht.

          Der Hunger zwingt dazu

          Die amerikanische Psychiaterin und bekannte Extremismus-Forscherin Anne Speckhard und der türkische Soziologe Ahmet S. Yayla brachten mit Hilfe von Mittelsmännern dreizehn syrische IS-Deserteure, die in die südtürkische Grenzstadt Şanliurfa geflüchtet waren, zum Sprechen. Die Bedingung war allerdings, dass von ihnen möglicherweise begangene Verbrechen nicht thematisiert werden. Eine kommentierte Zusammenfassung ihrer Aussagen liegt seit kurzem als Zeitschriftaufsatz vor, eine erweiterte Fassung soll demnächst in Buchform folgen („Eyewitness Accounts from Recent Defectors from Islamic State: Why They Joined, What They Saw, Why They Quit“, in: Perspectives on Terrorism, Bd. 9, Heft 6, Online-Zeitschrift des Zentrums für Terrorismus- und Sicherheitsstudien an der Universität Massachusetts).

          Die ersten anonymen IS-Überläufer reden.
          Die ersten anonymen IS-Überläufer reden. : Bild: AFP

          Die Studie fußt auf der Befragung von dreizehn Männern und einer Frau im Alter zwischen vierzehn und fünfundvierzig. Etwa die Hälfte sind Akademiker, drei haben einen Oberschulabschluss. Mehrere von ihnen waren Kommandanten, ein vierzehnjähriger Junge war für ein Selbstmordattentat vorgesehen. Obgleich ihre Desertion mehr als ein Jahr zurückliegt, dürfte sich an den Herrschaftsmechanismen des IS, die sie beleuchten, wenig geändert haben.

          Die einer militärischen Offensive vorausgehende Infiltrierung von Ortschaften mit IS-Agenten, die lokale Hierarchien ausspähen, um zu gegebener Zeit die Einflussreichen und Mächtigen als Erste auszuschalten, ist zwar nicht neu. Dass der IS aber im eroberten Territorium sofort die Kontrolle über alle Wirtschaftsaktivitäten übernimmt und dann als Arbeitgeber und Versorger die Bewohner in die totale materielle Abhängigkeit treibt, war bislang weniger bekannt. Diejenigen, die nicht mit der Terrormiliz kooperieren wollen, zwingt früher oder später schlicht der Hunger dazu.

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