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Zukunft des Berliner Verlags : Was wird aus der Hauptstadtzeitung?

Seit fast dreißig Jahren stetig unter Druck: die „Berliner Zeitung“. Bild: dpa

DuMont hat den Berliner Verlag an die Privatleute Silke und Holger Friedrich verkauft. Kommt der Verlag nach einer langen Odyssee endlich in die richtigen Hände?

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          Der Berliner Verlag hat eine Odyssee sondergleichen hinter sich. Was sollte aus ihm, zu dem die „Berliner Zeitung“, der „Berliner Kurier“ und das „Abendblatt“ gehören, nicht alles werden?

          Gruner + Jahr, das den Verlag 1990, direkt nach der deutschen Einheit, kaufte und ihn zuerst gemeinsam mit dem britischen Verleger Robert Maxwell, dann allein hielt, wollte aus der „Berliner Zeitung“ die „Washington Post“ der deutschen Hauptstadt machen. Gelungen ist das leider nicht, stattdessen gab es Umstrukturierungen und Sparrunden bis unters Dach.

          2002 schließlich gab Gruner + Jahr auf und wollte den Berliner Verlag an Holtzbrinck verkaufen, was das Kartellamt aber untersagte, da Holtzbrinck der „Tagesspiegel“ gehört – eine der vielen Kartellentscheidungen, deren Sinnhaftigkeit einem im digitalen Zeitalter mit weltumspannenden Konzernen, die auch damals schon vorherrschten, wenig einleuchtet.

          Holtzbrinck war aber beim Berliner Verlag schon irgendwie eingestiegen, Gruner + Jahr war nicht richtig draußen, als das Ganze an die britische Mecom-Gruppe des Investors David Montgomery verkauft wurde, der alles nur noch schlimmer machte. Da erschien DuMont Schauberg mit dem damals noch lebenden Verleger-Patriarchen Alfred Neven DuMont 2009 geradezu als Retter.

          Seit seinem Tod 2015 freilich wird der Verlag derart umgekrempelt, dass man sich fragt, wie lange sich das Unternehmen überhaupt noch Verlag nennen will. Dass man sich von den Regionalzeitungen trennen wollte, hatte die Unternehmensführung schon im Frühjahr mitgeteilt. Jetzt folgt der erste große Schritt.

          Mit den neuen Eigentümern, Silke und Holger Friedrich, kann es dem Berliner Verlag eigentlich nur bessergehen. Silke Friedrich leitet die Berlin Metropolitan School, Holger Friedrich war bei McKinsey, hat ein Unternehmen gegründet und erfolgreich an SAP verkauft. Ihren Einstieg verstehen die beiden, wie Silke Friedrich sagt, „als zivilgesellschaftliches Engagement in bewegten Zeiten“. Man wolle „das Profil des Berliner Verlags stärken und mit einer versachlichten, faktenbasierten Berichterstattung den politischen und gesellschaftlichen Diskurs für Berlin und aus Berlin heraus bereichern“, ergänzt Holger Friedrich.

          In weiteren Sätzen der Stellungnahme zum Kauf ist vor allem von Digitalisierung die Rede. Was für die gedruckten Zeitungen nicht unbedingt eine Garantie verheißt. Aber vielleicht meinen es die Friedrichs, die den Berliner Verlag nun in einer Familienholding führen, tatsächlich ernst und machen es wie der Amazon-Gründer Jeff Bezos. Der hat die „Washington Post“ vor sechs Jahren für einen Apfel und ein Ei gekauft, was einem nicht gefallen muss, die Zeitung aber vor dem Niedergang bewahrt hat. Vielleicht machen die Friedrichs aus der „Berliner Zeitung“ ja die „Washington Post“ der Hauptstadt. Zu wünschen wäre es.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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