Zur Lage des Theaters :
Zum Teufel mit dem Realismus!

Lesezeit: 7 Min.
Lieber untote Figuren als leblose Aufführungen: Susanne Kennedys Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“
Auf der Bühne ist die letzte Provokation zur Konvention geworden, die Avantgarde ist anderswo. Aber noch immer kann das Theater Momente schaffen, die einem Herz und Verstand umdrehen. Ein Plädoyer für mehr Mut zu Fremdheit und Verstörung

Mit dem Theater ist es wie mit der Kirche. Das Angebot übertrifft die Nachfrage, und die Sitzreihen lichten sich ebenso unerbittlich wie die Haupthaare der verbliebenen Besucher. Der Beleuchtungsmeister eines mittelgroßen deutschen Stadttheaters erzählte neulich in nüchterner Ernsthaftigkeit, dass er mittlerweile bei manchen Vorstellungen die Scheinwerferleistung um zehn Prozent reduzieren könne, weil die kahlen Köpfe im Zuschauerraum das Licht kostenlos reflektierten. Im Düsseldorfer Schauspielhaus spielten sie vor einigen Wochen im Großen Haus vor vierzig Zuschauern. Das Theater als Institution hat bei vielen seine Selbstverständlichkeit verloren. Seine Fähigkeit, zu begeistern, wird infrage gestellt, der allgemeine Coolnessfaktor liegt weit hinter dem Galeriewochenende, einer „Game of Thrones“-Session oder der Wagneroper.

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