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Zur Lage des Theaters : Zum Teufel mit dem Realismus!

Lieber untote Figuren als leblose Aufführungen: Susanne Kennedys Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ Bild: Julian Röder/Ostkreuz

Auf der Bühne ist die letzte Provokation zur Konvention geworden, die Avantgarde ist anderswo. Aber noch immer kann das Theater Momente schaffen, die einem Herz und Verstand umdrehen. Ein Plädoyer für mehr Mut zu Fremdheit und Verstörung

          6 Min.

          Mit dem Theater ist es wie mit der Kirche. Das Angebot übertrifft die Nachfrage, und die Sitzreihen lichten sich ebenso unerbittlich wie die Haupthaare der verbliebenen Besucher. Der Beleuchtungsmeister eines mittelgroßen deutschen Stadttheaters erzählte neulich in nüchterner Ernsthaftigkeit, dass er mittlerweile bei manchen Vorstellungen die Scheinwerferleistung um zehn Prozent reduzieren könne, weil die kahlen Köpfe im Zuschauerraum das Licht kostenlos reflektierten. Im Düsseldorfer Schauspielhaus spielten sie vor einigen Wochen im Großen Haus vor vierzig Zuschauern. Das Theater als Institution hat bei vielen seine Selbstverständlichkeit verloren. Seine Fähigkeit, zu begeistern, wird infrage gestellt, der allgemeine Coolnessfaktor liegt weit hinter dem Galeriewochenende, einer „Game of Thrones“-Session oder der Wagneroper.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Oder stimmt das gar nicht? Womöglich spricht aus einer solchen Wahrnehmung nur das verletzte Ego eines leidenschaftlichen Theatergängers, der sein Lieblingsmedium nicht genügend gewürdigt sieht und der sich bei seinen Freunden einmal zu viel dafür rechtfertigen musste, warum er überhaupt noch ins Theater geht. Der nicht einfach darauf vertraut, dass dieses Medium, das schon so oft in der Krise gesehen und totgesagt wurde, eine enorme Widerstandskraft besitzt. Seit zehn Jahren liegen die Besucherzahlen pro Spielzeit einigermaßen stabil über fünf Millionen. Das ist doch was. Und wenn denn Krise, dann dauert sie schon ziemlich lange. Theater war nie ein Massenvergnügen und sein Status schon immer gefährdet. Durch Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen, Cembalokonzerte und Balzac-Romane, durch Film, Funk und Fernsehen. Der Druck, unter dem das Theater heute durch konkurrierende Erzählmedien steht, ist also nicht neu. Aber die Chance, darauf wagemutig und radikal zu reagieren, war vielleicht nie so groß wie jetzt.

          Angst vor der Anstalt

          Nirgendwo sonst wird Theater so entschieden und umstandslos gefördert wie bei uns. Von Kiel bis Wiesbaden leistet sich die Bundesrepublik eine weitverzweigte theatrale Infrastruktur. Doch dass das Theater abseits der Bühnenkantine und der Theaterbetriebsleute ein Thema wäre, dass in Studentencafés, Anwaltskanzleien oder Start-ups über Aufführungen geredet, gar gestritten würde, hört man selten.

          Mit Überraschungen, künstlerischen Wagnissen rechnet man auf der Schauspielbühne nur noch in Ausnahmefällen. Die Avantgarde ist anderswo. Alles hat man hier scheinbar schon durchdekonstruiert und aufgesprengt, was es an Textautorität und traditioneller Formvorgabe so gibt. Romane und Filme werden (manchmal sehr gut) dramatisiert, Schauspieler (mitunter eindrucksvoll) mit Masken, Fremdstimme und Flüssigkeit überzogen, und jedem noch so kleinen Pathos ist schon (bisweilen auf intelligente Weise) mit großem Tamtam ein ironisches Beinchen gestellt worden. Viel ist zur Konvention geworden, was einmal als Alternative gedacht war und seine Kraft aus dem Gestus des Widerstandes entwickelt hat. Es fehlen die Gegner – auch hier.

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