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Schüler gegen „Washington Post“ : Wer dem Twittermob folgt

Szene des Anstoßes: Nicholas Sandmann und Nathan Phillips in Washington. Bild: Reuters

Der Schüler Nicholas Sandmann hatte die „Washington Post“ auf 250 Millionen Dollar verklagt. Die Verleumdungsklage wurde beigelegt, mit welcher Summe, ist unbekannt. Dabei zahlt die „Post“ einen Preis, der sich in Dollar oder Euro gar nicht beziffern lässt.

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          Am 18. Januar 2019 stand Nicholas Sandmann in der Nähe des Lincoln Memorial in Washington und wartete auf den Bus. Er und seine Mitschüler von der Covington Catholic High School in Park Hills, Kentucky, hatten am „March for Life“ teilgenommen, einer Demonstration gegen Abtreibung. Sandmann hatte eine rote Kappe mit der Abkürzung des Trump-Spruchs „Make America Great Again“ (Maga) auf dem Kopf, als er auf den älteren Amerikaner indigener Abstammung Nathan Phillips traf. Dieser war wegen des „Indigenous People March“ in Washington, trat dem Schüler gegenüber und schlug eine Trommel.

          So weit, so harmlos, mochte man denken, hätte sich aus der Szene nicht im Nu ein nationaler Aufschrei und schließlich ein Armageddon der amerikanischen Medien entwickelt. Ein Tweet eines dubiosen Accounts, der kurze Zeit später gesperrt wurde, verbreitete eine kurze Videosequenz des Zusammentreffens und legte nahe, hier verhalte sich ein junger weißer Amerikaner rassistisch gegenüber einem älteren indigener Abstammung.

          Das passte in alle Vorurteilsraster und vielen Medien so gut in den Kram, dass sie darauf verzichteten, die Information zu prüfen und ad hoc urteilten. Besonders schnell waren CNN und die „Washington Post“. Doch wie sie standen auch andere Medien düpiert da, als ein zweites, längeres Video auftauchte, dem zu entnehmen war, dass die Schüler aus Covington zuvor von einer religiösen Splittergruppe, die sich „Black Israelites“ nennt, bedrängt worden waren und sich der trommelnde Phillips zwischen die Gruppen begeben hatte, um die Situation zu beruhigen. Nicholas Sandmann hatte schlicht gar nichts getan.

          Das darzustellen beeilte sich die „Washington Post“ dann, wie andere auch. Doch da war der Entrüstungsmob längst unterwegs. Im Netz wurde gehetzt. Sandmann und andere Schüler erhielten Morddrohungen, er brauchte Polizeischutz, an seiner Schule fiel der Unterricht aus Sicherheitsgründen für einige Tage aus.

          Die Medien, die zu dem Irrsinn ihren Beitrag geleistet hatten, bekamen die Quittung. Sandmanns Eltern verklagten CNN auf 275 Millionen und die „Washington Post“ auf 250 Millionen Dollar Schadenersatz. Der Streit mit der „Post“ wurde am vergangenen Freitag – Sandmanns achtzehntem Geburtstag – außergerichtlich beigelegt. Um welche Summe es dabei geht, wurde nicht öffentlich, ebenso wie bei dem Verfahren gegen CNN, das im Januar mit einem Vergleich endete.

          Wie hoch das Schmerzensgeld auch sein mag, den höchsten Preis bezahlen CNN, „Washington Post“ und andere seit dem 18. Januar 2019 bis heute: Sie haben an Glaubwürdigkeit eingebüßt, weil sie sich von der gesteuerten Aufregung im Netz hatten mitreißen lassen und diese verstärkten. Was gemeinhin als Methode des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gilt – Polarisierung auf Biegen und Brechen –, ist auch anderen, die sich als aufgeklärt, links und antirassistisch verstehen, als Propagandamittel nur recht, zeigt dieses Beispiel. Die „Lincoln Memorial Confrontation“, wie das Ereignis inzwischen heißt, ist ein Exempel in mehrfacher Hinsicht.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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