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Zur Hitlerbiographie von Volker Ullrich : Hitler – eine böse Bildungsgeschichte

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Alles nur Schauspielerei und Selbstinszenierung? Hitler und die Regisseurin Leni Riefenstahl bei einer Filmbesprechung Bild: dpa

Volker Ullrichs Hitler-Biographie legt nahe, dass in diesem Leben alles Schauspiel und Verstellung war – und zieht doch nicht die Konsequenz daraus. Eine Erwiderung.

          5 Min.

          Anfang des Jahres hatte ich in dieser Zeitung geschrieben, dass die Hitler-Forschung zu einer „obskurantistischen Hitler-Folklore“ verkommen sei. Daher sei Hitler zwar „omnipräsent“, aber „inhaltslos und ominös“, so dass „wirkliche Analyse nicht mehr betrieben“ werde. Doch müssten wir uns wieder ernsthafter mit Hitler beschäftigen, um die „Funktionsweise seiner Selbstfindung und -erfindung“ zu verstehen. Wir dürften nicht Hitler „als Mann ohne persönliche Eigenschaften und Qualitäten“ verstehen. Nur so könnten wir die Herrschaftsweise Hitlers und die Wechselwirkung zwischen Hitler und den Deutschen begreifen. Denn Hitler sei nicht lediglich „eine Projektionsfläche der Deutschen“ gewesen.

          Wie schön, dass Volker Ullrich meiner Meinung ist: Die Historiker nähmen Hitler nicht mehr ernst, Hitler sei „zu einem Stereotyp geronnen und damit zugleich auf merkwürdige Weise verschwunden“. Die Historiker seien auf Hitlers Selbstinszenierung hereingefallen. Wir brauchten, so Ullrich, seine Hitler-Biographie, um Hitlers „Verstellungskunst“ und „seine permanente Selbststilisierung“ zu verstehen. Denn Hitler sei „kein Mann ohne Eigenschaften“ und keine „reine Projektionsfigur der enthemmten Masse“ gewesen. Also haben wir alle auf Volker Ullrichs Hitler-Biographie gewartet?

          Nichts Neues

          Man möge mir verzeihen, dass ich das etwas anders sehe. Tatsächlich war die permanente Selbststilisierung und Selbsterfindung Hitlers das Kernthema meines letzten Buches. In „Hitlers Erster Krieg“ habe ich gezeigt, dass „Mein Kampf“ ein Bildungsroman ist. Hitler hat sich dort eine Lebensgeschichte erfunden, die politisch hilfreich war. So hat er es bis zu seinem Tode gehalten. Der Diktator hat seine Lebensgeschichte permanent neu erfunden, je nachdem, was seinen Zielen diente. Originell ist es also nicht, wenn Ullrich genau dies als originäre These seiner Hitler-Biographie herausstellt.

          Ich verstehe natürlich, dass Ullrich sich nicht auf mich berufen mag, schließlich gibt es subtile und weniger subtile Unterschiede zwischen uns. So argumentiert Ullrich, dass Historiker bisher fälschlicherweise immer behauptet hätten, Hitler sei ohne innere Bindung an andere und „beziehungsunfähig“ gewesen, seine Existenz außerhalb der Politik sei leer gewesen, da Hitler immer auf der Suche nach einem „Familienersatz“ war. Schließlich spricht mein Buch nicht ein einziges Mal von Hitlers „Familienersatz“, sondern nur sieben Mal von Hitlers Drang nach einer „Ersatzfamilie“. Monty Python hätte seine helle Freude an Ullrichs Versuch, Neues zu sagen.

          Hitler: weder Feigling noch Held 

          Ich könnte es natürlich als Kompliment nehmen, dass Ullrich meine Argumente und Archivfunde wie den Brief, dass Hitler als „Etappenschwein“ von Kriegskameraden wahrgenommen wurde, stillschweigend übernimmt. Wirklich unkonventionell aber ist die Art und Weise, in der er sich explizit mit meinen Forschungen auseinandersetzt. So schreibt Ullrich: „Wägt man die Quellen ab, so kann man wohl konstatieren, dass sich Hitler weder durch besondere Tapferkeit auszeichnete noch sich einen ,Druckposten‘ verschaffte, um den Krieg möglichst unbeschadet zu überstehen. Thomas Webers Versuch, Hitler zum Feigling zu stempeln, der sich vor gefährlichen Aufgaben gedrückt habe, führt in die Irre.“ An anderer Stelle schreibt Ullrich: „Die Gegenthese, dass der Erste Weltkrieg ihn nicht ,geschaffen‘ habe, er vielmehr ,noch vollkommen offen und formbar‘ von der Front zurückgekehrt sei, kann nicht überzeugen.“

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