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Schumann-Haus in Leipzig : Hand in Hand mit der Klaviervirtuosin

Wer den Gipsabdruck von Clara Schumanns Hand berührt, hört eine Klaviermelodie – und kann durch sanften Druck sogar Töne hinzufügen. Bild: Schumann-Haus Leipzig

Leipzig feiert den zweihundertsten Geburtstag Clara Schumanns. Dazu eröffnet das Schumann-Haus seine fulminante neue Dauerausstellung – die es dem Besucher ermöglicht, Clara die Hand zu reichen.

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          Im Hausflur der Inselstraße 18 in Leipzig hängt rechts ein diachroner Zeitstrahl, und ober- wie unterhalb der Zeitachse sind individuelle Ereignisse aus dem vorehelichen Leben eines Paars notiert, das hier einzog, nachdem es 1840 geheiratet hatte: Robert und Clara Schumann. Er kam 1810 zur Welt, sie 1819 hier in Leipzig, und deshalb wird der zweihundertste Geburtstag in ihrer Heimatstadt groß gefeiert, noch zwei Wochen lang.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch der Höhepunkt lag gleich zu Beginn, an Claras Jubeltag selbst, dem 13. September. Da erklang nicht nur im Gewandhaus das einzige Orchesterstück der Komponistin, ihr Klavierkonzert, geschrieben im Alter von sechzehn Jahren und mit leichter Hilfe für diese große Besetzung eingerichtet von dem Mann, den sie fünf Jahre später heiraten sollte.

          Da eröffnete nach nur zweieinhalbmonatiger Umbaupause auch das dem Ehepaar Schumann gewidmete Museum neu. Es befindet sich im ersten Stock der Inselstraße 18, der Wohnung der Frischvermählten, in der Robert Schumann prompt seine erste Sinfonie zustande brachte, die das abendliche Jubiläumskonzert im Gewandhaus beschlossen hat.

          Das Schumann-Haus im Herzen des Campus'

          Als die Schumanns ihren ersten gemeinsamen Hausstand 1844 wieder verließen und nach Dresden zogen, hatten sie erst zwei Kinder. Es sollten in den Jahren bis zum frühen Tod von Robert sieben werden, und den Klang im Hause Schumann muss man sich wohl so vorstellen wie das heutige Alltagsleben rund um ihr Leipziger Domizil.

          Denn seit der zwischenzeitlich vergessene und verfallene klassizistische Bau 1999 aufwendig renoviert wurde, befindet sich darin auch die private Grundschule Clara Schumann, und die Museumswohnung ist elementarer Bestandteil von deren musischer Ausrichtung. Deshalb sind die Räumlichkeiten unter der Woche nur nachmittags für Besucher zugänglich, und auch da mischen sich ringsum fröhliche Stimmen der Schüler mit Musikübungen in den anderen Stockwerken.

           Eine Stele heißt die Besucher des Schumann-Hauses in Leipzig willkommen

          Der Erfolg dieses Konzepts hat mittlerweile zu einem ganzen Campus rund um die Inselstraße geführt, mit zwei Kindergärten und einer weiterführenden Schule und insgesamt 1600 Kindern, doch das Herz des Ganzen bleibt das Schumann-Haus. Und dessen Dauerausstellung ist nun von der Musikwissenschaftlerin und Schumann-Expertin Beatrix Borchard und dem schon durch seine Gestaltung des Leipziger Bach-Museums bestens eingeführten Ausstellungsdesigner Karsten Blum völlig neu konzipiert worden – und zwar nicht nur als erstes Museum für ein Künstlerpaar überhaupt, sondern mehr noch als Spiel- statt Gedenkstätte, an der Kinder wie Erwachsene, Kenner wie Laien ihre reine Freude haben werden.

          Clara Schuhmanns Riesenhand

          Erst sie nämlich beleben die Präsentationen, etwa indem Besucher vor einem Hologramm-Guckkasten eine Hörmuschel abnehmen, worauf ein bis dahin unbeirrt am Flügel arbeitender Klavierstimmer die kleine Szene im Kasten verlässt und Clara Schumann Platz macht, die ein Stück intoniert, das sie am 3. März 1844 auf ihrer Russland-Tournee in Sankt Petersburg gespielt hat.

          Der Künstler Erwin Stache hat eine Klanginstallation für den Klangraum des Schumann-Hauses geschaffen.

          Viel berühmter denn als Komponistin, ja damals auch noch viel berühmter als ihr komponierender und rezensierender Mann, war Clara Schuman, als Klaviervirtuosin, und allein aus Russland brachte sie 1844 Einnahmen von 2338 Talern zurück nach Leipzig, womit sie achtzehn Jahre lang die Wohnungsmiete hätte zahlen können. Aber Robert Schumann war viel zu sehr Mann seiner Zeit, um das akzeptieren zu wollen. Die Dokumentation auch der Spannungen zwischen den musizierenden und komponierenden Eheleuten spielt eine große Rolle in der Ausstellung.

          Und dann liegt da auf einem Podest Clara Schumanns rechte Hand, von der sich ein Gipsabguss erhalten hat, der wiederum von dem Installationskünstler Erwin Stache aus Lindenholz nachgeformt und mit Tastsensoren versehen wurde, so dass jeder, der nun seine Hand auf die von Clara Schumann legt, zunächst eine Klaviermelodie auslöst und dann durch sanften Druck auf einzelne Finger weitere Töne ergänzen kann, vom tiefen Register am Daumen bis zum hohen am kleinen Finger. Zugleich spürt man, was für eine Riesenhand diese Frau besaß, und wenn man dann gleich daneben von den Übungspraktiken ihres Vaters, des Klavierbauers und -pädagogen Friedrich Wieck, liest, kann man sich die Zurichtung dieses Mädchens zur Virtuosin leider kaum radikal genug vorstellen.

          „Psst, Vater komponiert!“

          Es wird viel erzählt im Schumann-Haus, aber es gibt dort kaum Originales, und das ist angesichts der schulischen Mitnutzung ein Plus. Die Ausstellung macht daraus eine Tugend, indem sie sich bei der Aura auf die des Gebäudes beschränkt und ansonsten multimedial agiert, etwa auch im fulminanten „Ehe-Experimentierraum“, der von Magdalene Melchers konzipierte zimmerfüllende Projektionen zu den Themenfeldern „Kunst und Liebe“, „Kinder“ und „Geld“ bietet – und das einzige Autograph im Schumann-Haus: zwei von Clara Schumann für einen englischen Bewunderer 1857 niedergeschriebene Takte aus dem „Fröhlichen Landmann“ ihres Gatten.

          Diese Reliquie liegt in einer Vertiefung verborgen, und wenn man die Klappe dazu öffnet, wird die jeweilige Projektion unterbrochen von einer Kinderstimme: „Psst, Vater komponiert!“, und danach erklingen so lange die zwei Takte, bis man die Klappe wieder schließt.

          Ja, der Spaß ist riesig im Schumann-Haus, in dieser Schule im Museum und diesem Museum in der Schule. Das Konzept sollte selbst Schule machen.

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