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Zur Eröffnung der Buchmesse : Leipzig ist ein Gedicht wert

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Ein Lyriker, der auf der Leipziger Buchmesse für eine Überraschung sorgen könnte: Jan Wagner Bild: dpa

Eigentlich ist Lyrik für unsere Gegenwart die Literaturform schlechthin. Doch die Gedichtbände fristen immer noch ein Nischendasein. Kann die Leipziger Buchmesse, für deren Literaturpreis erstmals ein Lyriker nominiert ist, daran etwas ändern?

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          Wenn heute die Leipziger Buchmesse ihre Tore öffnet, ist mit großen Überraschungen nicht zu rechnen. Die Themen, welche die Branche beschäftigen, sind die üblichen, allen voran die Frage nach der Zukunft des Lesens und des Publizierens. Dennoch besteht die Chance, dass diese Buchmesse Geschichte schreiben wird. Denn die aufregendste Nachricht in einem literarisch insgesamt eher flauen Frühling ist die Nominierung von Jan Wagners Gedichtband „Regentonnenvariationen“ für den Preis der Leipziger Messe. Damit könnte erstmals ein Werk der Poesie diese Auszeichnung erringen, die in den zehn Jahren ihres Bestehens zu einem wichtigen Wegweiser im Gewimmel der Neuerscheinungen von Belletristik, Sachbuch und Übersetzungen geworden ist.

          Die Möglichkeit, dass bei der Preisvergabe heute ausgerechnet ein Gedichtband ins Schaufenster gestellt werden könnte, ist deswegen so elektrisierend, weil die Lyrik normalerweise in der Nische ein so unschuldiges wie vornehmes Spinnwebdasein fristet, ungestört, aber dafür auch nur wenig beachtet. Der Anteil der Gedichtbände am Gesamtumsatz des Buchhandels beträgt nicht mal ein Prozent. Die Zeiten, in denen Liebeslyrik von Erich Fried, Sarah Kirsch oder Ulla Hahn es auf fünf- oder gar sechsstellige Verkaufszahlen brachte, liegen Jahrzehnte zurück. Heute gilt eine Auflage von ein- bis zweitausend Exemplaren bereits als Erfolg.

          Eine homöopathische Lektüredosis

          Dabei ist Lyrik eigentlich die Literaturform schlechthin für unsere Gegenwart. Die meisten Verse sind nicht länger als ein Tweet, und in einer Zeit, da die Menschen im Sturm der Nachrichten das Unverfälschte, Eigentliche suchen, nach einem geistigen Gegengewicht zu ihren gehetzten Tagen, wäre schon die homöopathische Lektüredosis von einem Gedicht pro Tag ein ideales Mittel zur individuellen Entschleunigung.

          Aber statt auf den Nachttischen der Republik liegen die Bände wie Blei in den Regalen. Zwar hat die Lyrik in den Programmen der größeren Literaturverlage nach wie vor einen Platz, gibt es Stipendien, Preise, Autorennetzwerke, Zeitschriften, Empfehlungslisten, Festivals oder feste Institutionen wie das Münchner Lyrik-Kabinett. Dass die Lyrik allen freundlichen Fördermaßnahmen zum Trotz im gesellschaftlichen Leben keine Rolle mehr spielt, lässt sich schon daran ablesen, dass das Auswendiglernen von Gedichten an den Schulen ebenso aus der Mode gekommen ist wie Lyrikwände im Buchhandel. Kein Wunder, dass man dort über die Nominierung der „Regentonnenvariationen“ nicht eben jubelt. Zwar sind gute Gedichtbände in der Regel haltbarer als die meisten Romane, aber auch als Longseller bringen sie nicht viel Umsatz. Wagners Band hat seine vorherige Auflage in den vergangenen Wochen glatt verdoppelt und liegt derzeit bei beachtlichen sechstausend Exemplaren; aber selbst wenn er den Preis bekommen sollte, rechnet der Handel nicht mit einer Bestsellerquote.

          Wie auch immer es heute Nachmittag ausgeht: Das Leipziger Dilemma, bei dem ein Gedichtband gegen vier Romane antritt, ist nicht nur dem Proporz nach bezeichnend für die allgemeine Lage. Denn die Poesie hat es hierzulande zugleich zu leicht und zu schwer: Zu leicht, weil diese konzentrierte, idealistische Disziplin am Rand des Literaturbetriebs in einer Art Sicherheitstrakt mit eingebautem Denkmalschutz existiert. Der 43 Jahre alte Jan Wagner, der seit Beginn seiner Karriere nicht weniger als 28 Stipendien und Preise erhalten hat, ist dafür ein gutes Beispiel – und bleibt für sein bescheidenes Auskommen als freier Dichter doch auf Nebentätigkeiten wie Vorträge, Übersetzungen, Zeitungs- und Rundfunkbeiträge angewiesen. Zu schwer hat es die Lyrik vor allem deshalb, weil sie trotz zahlreicher Beispiele des Gegenteils hartnäckig im Ruch steht, unverständlich und schwer zugänglich zu sein, ein Vergnügen nur für Spezialisten und Eingeweihte. Auch um dieses Vorurteil zu entkräften, ist Jan Wagner ein idealer Kandidat.

          Zuwendung zur Welt

          Über seine Arbeitsweise sagte Wagner einmal, er trage immer zwölf bis zwanzig Gedichte – „oder vielmehr Möglichkeiten von Gedichten“ – mit sich herum, „mache alles handschriftlich und sammle sehr lange, lasse zu, dass etwas heranreift“. Diesen Reifungsprozess merkt man seinen Gedichten an. Sie lassen sich unkompliziert lesen und tragen ihre Kunstfertigkeit nicht vor sich her.

          Was Wagners Lyrik auszeichnet, ist die Zuwendung zur Welt und zu deren Bewohnern. Zugleich sind seine Motive der Gegenwart entrückt. Die „Regentonnenvariationen“ spielen vornehmlich in einer „magischen, dunklen und wenig besuchten Ecke“ im Garten seiner Kindheit. Zwischen dem heimischen Giersch und dem australischen Ficus Watkinsiana, zwischen Esel und Yak, Dachshund und Olm findet Wagner Inspiration, um Neues mit alten Formen zu verbinden. Diesem Lyriker geht es nicht um Kritik an den Verhältnissen, sondern um die verborgene Schönheit der Welt.

          Es wäre eine große Überraschung, wenn Jan Wagner den Leipziger Preis bekäme. Das Machtgefüge zwischen Roman und Gedicht würde damit auf den Kopf gestellt. Ein solcher Perspektivwechsel könnte Literatur und Lesern nur gut tun.

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