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Berichte über Verbrechen : Anschlag, kein Vorfall

Der Tatort der Auto-Attacke in Volkmarsen Bild: AFP

Wenn es um aufsehenerregende Verbrechen geht, können Journalisten das Informationsinteresse gar nicht schnell genug befriedigen. Doch es kommt darauf an, wie sie dies tun.

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          Bei der Berichterstattung über Verbrechen kommt es für Journalisten in besonderer Weise darauf an, akkurat zu sein. Das gestaltet sich umso schwieriger, als die Lage in der Regel unübersichtlich und der Informationsstand vorläufig ist.

          Hinzu kommt, dass im Internet alle möglichen Darstellungen und Interpretationen in Umlauf gebracht werden, bevor die Umstände geklärt sind. Fake-News-Macher und Hetzschriftsetzer warten nur auf jede Gelegenheit, die sich bietet, um Panik und Hass zu schüren. Und dann gibt es auch noch jede Menge Schiedsrichter, die bei noch so nüchterner Zuschreibung davon reden, hier würden Vorurteile produziert (die sie allerdings meist selbst pflegen).

          Dass es sich bei dem Massenmord in Hanau um ein rassistisches Verbrechen handelte, um eine Tat aus Hass eines psychisch gestörten Mannes, war relativ schnell unstrittig. Nicht so die Frage, wer wie in diesem Land zu einem Klima tödlicher Intoleranz beigetragen habe.

          Verunsicherung jedoch herrschte bei dem Anschlag, der auf den Rosenmontagszug in Volkmarsen verübt wurde. Der mutmaßliche Täter, Maurice P. aus Volkmarsen, 29 Jahre alt, fuhr mit einem silbergrauen Mercedes in die Menge der Zuschauer, die den Karnevalszug besuchten. Er verletzte 61 Menschen, zum Teil schwer. 35 von ihnen befanden sich zwei Tage nach der Tat noch im Krankenhaus, unter den Verletzten sollen sich zwanzig Kinder im Alter von zwei Jahren an aufwärts befinden.

          Das wusste man kurz nach der Tat selbstverständlich noch nicht. Auch die Polizei war bei der Einordnung der Gewalttat vorsichtig, sprach aber relativ früh von einer „vorsätzlichen“ Tat. Sollte man dann nicht auch von einem „Tatort“ sprechen? Auf dem Sender „Welt“ bekam sich darüber der Moderator mit einem Polizeisprecher in die Haare. Eine Tat, aber kein „Tatort“?

          Und beim Hessischen Rundfunk, bei dem man, wie zuvor bei dem Massenmord in Hanau, sehr gut, rasch, fortlaufend und umfassend informiert wurde, machte sich im Liveticker Verunsicherung bemerkbar. Da war zwischenzeitlich von einem „Vorfall“ oder einem „Zwischenfall“ die Rede. Ein „Vorfall“ angesichts einer solchen von der Polizei und von zahlreichen Zeugen als „vorsätzlich“ geschilderten Tat?

          Mit „Auto-Attacke“ war das dann bald schon sehr viel besser umschrieben, zumal das Amtsgericht Kassel am Tag danach auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gegen Maurice P. Haftbefehl wegen des Verdachts des Mordversuchs, gefährlicher Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr erließ. „Was wir wissen ...“ heißen die Rubriken, mit denen seriöse Publikationen inzwischen eigens den Kenntnisstand markieren, der bei unklarer Sachlage herrscht.

          Folgt man dem und benennt, was sich belegen lässt, ist dies das wirksamste Mittel gegen Fake News. Dazu gehört auch, mitzuteilen, was über den – mutmaßlichen – Täter bekannt ist, sei es bei der tödlichen Attacke im Frankfurter Bahnhof im Juli des vergangenen Jahres, bei welcher der tatverdächtige, mutmaßlich psychisch gestörte Habte A. einen achtjährigen Jungen vor den Zug stieß und tötete; sei es der Mord an neun jungen Menschen, den Tobias Rathjen in Hanau verübte, oder sei es der Anschlag, den Maurice P. auf den Karnevalsumzug in Volkmarsen verübte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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