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Zum Tode von Wilfried Wiegand : Kurator im imaginären Museum

Fotografie ist nur aus dem Geist der Romantik zu verstehen: Wilfried Wiegand (1937 bis 2020). Bild: Imago

Wilfried Wiegand hatte viele Leidenschaften. Als Journalist und Filmkritiker prägte er lange das Feuilleton der F.A.Z. Doch seine größte Passion war die Fotografie. Ein Nachruf.

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          Es ist mehr vierzig Jahre her, dass wir uns zum ersten Mal begegnet sind, und mit einem Blick ins Archiv des Frankfurter Kommunalen Kinos könnte sich nicht nur der Tag, sondern sogar die exakte Uhrzeit herausfinden lassen. Wir hatten im Kino ein Double Feature mit Stummfilmen von Ernst Lubitsch gesehen: „Schuhhaus Pinkus“ und „Die Puppe“. Außer uns hatte es keine weiteren Besucher gegeben, und als Wilfried Wiegand mich beim Hinausgehen ansprach, ob ich es gewesen sei, der während der Vorführung fotografiert hatte, konnte ich schwerlich leugnen. Statt einer Belehrung über Bildrechte, wie ich sie erwartete, folgte ohne Umschweife die Frage, ob er meine Fotos kaufen könne. Er säße gerade an einer Arbeit über Lubitsch und brauche dringend Bildmaterial – der Auslöser habe stets im richtigen Moment geklickt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Wilfried Wiegand war damals der fürs Kino zuständige Redakteur der F.A.Z. Er saß immer gerade an einer Arbeit. Und er brauchte immer gerade dringend Bildmaterial. Zu Charles Chaplin und den Filmen Andy Warhols hatte er erst kurz zuvor zwei Bücher veröffentlicht. Ob er Lubitsch ebenfalls ein Buch widmen würde oder nur einen Artikel, konnte er noch nicht sagen. Vielleicht würde der Regisseur auch ein Kapitel in einem Buch über die Geschichte des Films bekommen, die Wiegand anhand von hundert Beispielen nacherzählen wollte. Auch dafür sammelte er Material.

          Zeitbomben, die er hinter sich zündete

          Als ich ihm die Abzüge brachte, deutete er auf eine meterlange Reihe von Mappen im Regal mit Bildern von „Metropolis“ bis „Deer Hunter“. Was „Schuhhaus Pinkus“ dazwischen verloren haben sollte, war nicht leicht zu verstehen. Aber Wilfried Wiegand war beim Film die Erzählung stets weniger wichtig als eine innovative Bildsprache. „So habe ich das noch nie gesehen“, war das größte Kompliment, das er zu vergeben hatte – dabei konnte er radikal experimenteller Kunst eher wenig abgewinnen. Was er suchte, war vielmehr Präzision, jene Überdeutlichkeit, wie sie Traumbilder auszeichnet. Charles Chaplin und John Ford, Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick waren für ihn die Messlatte, Regisseure, die ihre Stoffe vor allem aus Bildern gesponnen haben: Jede Kameraeinstellung ein kleines Meisterwerk. Jeder Film eine Aneinanderreihung überwältigender Fotografien.

          Dass er stets an mehreren Projekten zugleich arbeitete, hatte bei Wilfried Wiegand Prinzip. Er sprach von Zeitbomben, die er hinter sich zündete, um die Mauer vor ihm umso schneller überwinden zu müssen. So war es gewissermaßen konsequent, dass er damals zugleich ein Buch über die Geschichte der Fotografie des neunzehnten Jahrhunderts konzipierte. Das Material dazu lag auf dem Boden verstreut, Dutzende und Aberdutzende fotokopierter Bilder. Manche zählten bereits zu den Inkunabeln der Fotokunst, anderen verhalf erst er mit seinem Bildband „Die Frühzeit der Fotografie“ zu einem dauerhaften Platz im Kanon. Es war eine Art imaginäres Museum, dass er sich mit dem Buch eingerichtet hatte – und vielleicht war es auch so etwas wie ein Test seiner selbst und eines neuen Sammelgebietes: der Fotografie. Wie weit würde er gehen, fragte er sich damals, um solche Bilder für sich zusammenzutragen, was wäre er bereit einzusetzen? Am Ende war die Antwort: Alles.

          Wilfried Wiegand hat in Hamburg Kunstgeschichte studiert und wurde mit einer Arbeit über die Landschaftsbilder von Ruisdael promoviert. Er war Redakteur der „Welt“ und beim „Spiegel“, ehe er 1969 in die Feuilletonredaktion der F.A.Z. eintrat. Als Film- und Fernsehkritiker zunächst, später wurde er Paris-Korrespondent, und von 1986 bis 1997 verantwortete er das Feuilleton. Aber wer heute von ihm spricht, dem fällt stets als Erstes seine Liebe zur Fotografie ein.

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