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Zum Tode von Peter Scholl-Latour : Der ewig Reisende

Peter Scholl-Latour Bild: dpa

Hinfahren, mit den Menschen sprechen und dann davon erzählen: Peter Scholl-Latour hat das Bild, das die Deutschen sich von der Welt machen, geprägt wie kein Zweiter. Ein Nachruf.

          Als das Orient-Magazin „Zenith“ vor einiger Zeit sein zehnjähriges Bestehen feierte, war natürlich auch Peter Scholl-Latour zu Gast. Man habe, sagte „Zenith“-Herausgeber Daniel Gerlach, das Heft ja eigentlich nur gegründet, um ihm, dem Mann, der den Deutschen seit Jahrzehnten nicht nur, aber vor allem die arabische Welt erklärt, endlich etwas entgegenzusetzen. Offensichtlich sei das nicht geglückt. Doch Scholl-Latour winkte ab. Das sei alles nicht wichtig, erwiderte er. Was man brauche, seien „gentlemen adventurer“ – sprich: Leute wie ihn.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Peter Scholl-Latour, der in Bochum zur Welt kam und im schweizerischen Fribourg ein Jesuiteninternat besuchte, war tatsächlich jemand, dessen Reportagen und Bücher aus aller Herren Länder vor allem deswegen so interessant waren, weil es ihm wie nur wenigen gelang, den Mächtigen ebenso wie den einfachen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. So gewann er ihr Vertrauen. So spann er über Jahrzehnte ein Netzwerk aus Kontakten, das ihm zeitlebens Zugang zu jenen Menschen und Regionen verschaffte, die den Deutschen bis dato zwar fremd gewesen sein mochten, ihr Leben aber trotzdem beeinflussten.

          Unvergessen ist in diesem Sinn natürlich die Reise, die Scholl-Latour am 1. Februar 1978 unternahm, als er mit dem Ayatollah Chomeini von Paris nach Teheran flog – in dem Flugzeug, in dem sich auch dessen zumindest in groben Zügen ausgearbeitete neue Verfassung für den Iran befunden haben soll. Der unbedingte Wille, das aktuelle Geschehen in Augenschein zu nehmen, führte Scholl-Latour aber auch im hohen Alter beispielsweise noch nach Syrien, wo er Ende 2011  Baschar al-Assad interviewte. Nicht, dass man in derlei Gesprächen von solchen Leuten Geheimnisse erfahren würde, sagte er  später. Er habe sich nur ein Bild von Assads Zustand machen wollen.

          Wie geht es Assad?

          Von seinen Gesprächspartnern im Nahen Osten, aber auch in Afrika, wo er am Beginn seiner journalistischen Karriere als Auslands-Korrespondent tätig war, und in Asien ist Scholl-Latour für diese vorurteilsfreie Neugier oft gelobt worden. In Deutschland hat er mit seinen in verschiedenen Zeitungen und Fernsehsendern veröffentlichten Reportagen, Analysen und Kommentaren hingegen dafür gesorgt, das sowohl Interesse als auch Verständnis für die Bedeutung so mancher politisch-gesellschaftlicher Konflikte überhaupt erst entstand.

          Sein Buch „Der Tod im Reisfeld“ über den Indochina-Krieg, das 1979 erschien, gehört mit 1,3 Millionen verkauften Exemplaren bis heute zu den am meisten verkauften Sachbüchern des Landes. Zahlreiche weitere Sachbücher folgten, zahlreiche Auszeichnungen ebenso. Wann immer es in den vergangenen Jahren Erklärungsbedarf gab – sei es über Syrien, Libyen, Ägypten, aber auch über den Balkan, Kolumbien oder die Mongolei – stets wurde Scholl-Latour befragt.

          Dabei kam ihm entgegen, dass er selten um ein klares Wort verlegen war. Schon früh hat er etwa die Invasion im Irak als Amerikas „Waterloo“ bezeichnet, das „Bündnis gegen den Terror“ kritisiert, das sich mit den Saudis und den Ägyptern unter Mubarak einlasse, und 1993 Zweifel am Gelingen des Osloer Friedensprozesses geäußert. Seine Urteile waren dabei oft von dem geprägt, was er selbst erlebt hatte, sie waren absolut, und damit immer wieder all jenen auch ein Dorn im Auge, die es hierzulande gerne etwas differenzierter gehabt hätten. Eine nicht kleine Schar vor allem von jüngeren Islamwissenschaftlern hat sich daher stets aufs Neue an Scholl-Latour abgearbeitet. Doch einen Bogen um ihm zu machen – das konnte sich niemand leisten.

          Einen ausführlichen Nachruf lesen Sie in der Montagsausgabe der F.A.Z.

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