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Zum Tode von Alfred Schmidt : Begriffene Natur

Alfred Schmdit (1931 - 2012) Bild: Florian Sonntag

Seine Dissertation wurde als Manifest des Marxismus gelesen, doch die Kritische Theorie war ihm nicht genug. Zum Tod des Frankfurter Philosophen Alfred Schmidt.

          2 Min.

          Eine Anekdote. Wirklich verbürgt ist sie nicht, aber sicher gut erfunden. Anfang der sechziger Jahre veranstaltete der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ (SDS) in Frankfurt eine Pressekonferenz. Die Ziele der weit linksstehenden Gruppierung sollten erläutert werden. Niemand war dafür berufener als die beiden Koryphäen der jüngeren linksintellektuellen Generation, der gewerkschaftsnahe Oskar Negt und der Philosoph Alfred Schmidt. Dieser aber, nach strategischen und taktischen Einzelheiten befragt, extemporierte einfach aus seiner Dissertation „Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx“, die 1962 in der Reihe des Instituts für Sozialforschung erschienen war. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten die Arbeit betreut und begutachtet.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Schrift machte damals einen ungeheuren Eindruck, man las sie geradezu als Manifest eines ebenso orthodoxen wie nichtmoskowitischen Marxismus. Welche Autorität Schmidts Entwurf damals genoss, kann man daran absehen, dass bald Raubdrucke erschienen, dass er zunächst ins Englische und dann ins Italienische übersetzt wurde. Und noch kürzlich, als wir den Philosophen trafen, berichtete er, der Stolz war ihm anzumerken, von einer bevorstehenden französischen Ausgabe im angesehenen Verlag Presses Universitaires de France (PUF), der für einen Intellektuellen so viel bedeutet wie Gallimard für die Literaten. Solange man die Dogmengeschichte des Marxismus noch studieren wird, dürfte auch diese Schrift als ein Meilenstein angesehen werden. Schon seinerzeit trug sie Schmidt einen bewundernden Brief von Georg Lukács ein.

          Ausgriffe in die Philosophie der Natur

          Am 19. Mai 1931 wurde Alfred Schmidt in Berlin geboren. Sein Studium der Geschichte (bei Otto Vossler), der klassischen und der englischen Literatur (Letzterer bei Helmut Viebrock) wurde erst später durch das der Philosophie und Soziologie ergänzt. So kann man sagen, dass auch sein Zugriff auf die Kritische Theorie etwas Philologisches hatte und dass die Akzentuierung der „Historizität“ ihm in der Auseinandersetzung mit dem aus Frankreich hereinströmenden Strukturalismus ein Hauptanliegen war.

          Ergreifend war es, die Treue vor allem zu seinem Lehrer Horkheimer zu beobachten, dessen Frankfurter Lehrstuhl er später übernahm. Aus dem engeren Bezirk der Kritischen Theorie griff Schmidt immer weiter in die Kontexte einer Philosophie der Natur aus, erst bei dem Materialisten Ludwig Feuerbach, nur wenig später wurden ihm auch Goethes naturwissenschaftliche Schriften zu einem steten Bezugspunkt seines Denkens. Und wie Horkheimer entdeckte er Schopenhauer. Das „malum metaphysicum“, der Tod nämlich, war im strengen Marxismus doch unterbelichtet geblieben.

          Und nun begann eine dritte Karriere. Schon Horkheimer hatte Schmidt einmal als Gast bei der Loge B’nai B’rith eingeführt, die, als exklusiv jüdische, für Schmidt keine Zukunft bot. So schloss er sich den Freimaurern an, bei denen er den höchsten Grad der Einweihung erreichte, den dreiunddreißigsten. Der marxistische „Humanismus“ verband sich mit dem - oder wurde abgelöst vom - maurerischen. Am Dienstag ist Alfred Schmidt in Frankfurt gestorben.

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