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Zum Tode Shirley Temples : Sie tanzte gegen die Wirtschaftskrise

  • -Aktualisiert am

Shirley Temple spielte 1936 in „Poor Little Rich Girl“ Bild: AP

Shirley Temple war Amerikas unglaublich professioneller, angebeteter Kinderstar. Dann wurde sie erfolgreiche Diplomatin. Jetzt ist sie gestorben.

          Ihr Comeback als Schauspielerin feierte Shirley Temple nicht in Person, sondern dank eines grotesken Alter Ego: Im Jahr 1962 heimste Bette Davis für die Titelrolle des Thrillers „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ ihre zehnte Oscar-Nominierung ein. Zu Recht, denn sie spielte mit umwerfender Selbstverachtung das ehemalige Kinderidol Baby Jane Hudson, das – inzwischen jenseits der fünfzig und vom Karriereende um den Verstand gebracht – noch einmal an die alten Erfolge anknüpfen will. Das zerfurchte Gesicht kalkweiß geschminkt, mit Kajal, das statt Kulleraugen einen Todesblick unter ihre groteske Schillerlockenperücke zeichnete, tanzte Davis’ Baby Jane im Krinolinenröckchen singend durch den Raum. Jeder Amerikaner erkannte darin die wahnhaft übersteigerte Parodie der Auftritte, mit denen Shirley Temple zwischen 1932 und 1939 die Nation zu Tränen gerührt und in patriotische Ekstasen getrieben hatte.

          Niemand nahm Bette Davis dieses demonstrative Plagiat übel, schon gar nicht Shirley Temple: Sie lächelte, erfreut, dass ihre Popularität so viele Jahrzehnte überdauert hatte und Leitmotiv eines nervenzerrüttenden Dramas hatte werden können. Die Gelassenheit des Exkinderstars fußte auch auf der Tatsache, dass sie nach dem quälend langen Niedergang ihrer Filmlaufbahn als Politikerin zunehmend erfolgreich geworden war: Von 1950 an hatte sie Spenden für die Republikanische Partei eingeworben; 1966 verfehlte sie knapp einen Sitz für die Republikaner im Repräsentantenhaus. Sie wurde 1969 von Präsident Richard Nixon zur Delegierten der Vereinigten Staaten bei der UN-Vollversammlung ernannt, war 1974 bis 1976 amerikanische Botschafterin in Ghana und erlebte zwischen 1989 und 1992 in gleicher Funktion in Prag den „Samtenen Frühling“.

          Im Grunde war Shirley Temple aber von Kindesbeinen an Politikerin, besser wohl: ein Geschöpf der Politik. Im Jahr 1932, nach einem Jahr Tanzschule in Los Angeles, stand sie vierjährig zum ersten Mal vor der Kamera. Sie wirbelte und lächelte sich so temperamentvoll durch die Burlesk-Filmserie „War Babies“, dass Amerika sich nicht zu lassen wusste vor Staunen über dieses winzige Energiebündel, das mit der Präzision eines Roboters seine Streiche absolvierte.

          Ein Star als „achtes Weltwunder“

          Es war ein besonderes Amerika, das zu jener Zeit in die Kinos stürmte: Das Land befand sich mitten in der „Großen Depression“, der weltumspannenden Wirtschaftskrise, die Amerika Millionen Arbeitslose, zerrüttete Unternehmen und eine ruinierte Landwirtschaft samt heftigen sozialen Unruhen eintrug. Im Jahr 1934 tanzte Shirley Temple, die am 23.April 1928 in Santa Monica geboren wurde und nun schon ein Star war, mit wehenden Locken durch den Film „Stand Up and Cheer“; ihr Duett „Baby Take a Bow“ wurde zum Gassenhauer, sie mit sechs Jahren zur jüngsten Oscar-Gewinnerin der Filmgeschichte – und ihre lebensgroße Shirley-Temple-Puppe ein Muss in jeder amerikanischen Familie, die das Geld dafür aufbringen konnte.

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