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Zum Tode Shirley Temples : Sie tanzte gegen die Wirtschaftskrise

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Der lockige Kinderstar sorgte während der amerikanischen Wirtschaftsdepression für etwas Fröhlichkeit bei den Kinobesuchern
Der lockige Kinderstar sorgte während der amerikanischen Wirtschaftsdepression für etwas Fröhlichkeit bei den Kinobesuchern : Bild: AP

Nicht umsonst nannte Darryl F. Zanuck, der Leiter von 20th Century Pictures, Shirley Temple sein „achtes Weltwunder“. Denn in ihren Filmen, die fortan Besucher- und Einnahmerekorde verzeichneten, wuchs sie zum National-Idol, das alle Eigenschaften wachrief, die die Nation an sich selbst schätzte – Fürsorglichkeit, Freundlichkeit, Zusammenhalt, Tapferkeit und Durchhaltevermögen, Standhaftigkeit und notorisch gute Laune. Präsident Franklin D.Roosevelt persönlich dankte ihr öffentlich dafür, „dass sie Amerika mit einem Lächeln durch die Depression führt“.

Ihr größter Erfolg war „The Littlest Rebel“

Nun, es war mehr als ein Lächeln, es war auch die perfekt kalkulierte Inszenierung des hübschen kleinen Mädchens, die massenpsychologisch ausgeklügelte Verwertung eines Ausnahmetalents, die den Kinderstar zum probaten Gegenmittel der Depression machte: Tatsächlich war Shirley Temple phänomenal begabt als Tänzerin und Sängerin, führte scheinbar mühelos schon mit fünf und sechs Jahren komplizierteste Steppschritte aus, war ungewöhnlich musikalisch und zumindest in den ersten Jahren ihrer Laufbahn bemerkenswert ungekünstelt. Doch dieses Kapital bildete die Grundlage für eine Art zündenden, rings um sie entfalteten Showpatriotismus, der in Historienfilmen gipfelte, die den amerikanischen Bürgerkrieg und die Südstaatenromantik zur Geburtsstunde einer einigen Nation verklärten.

So trat sie im Jahr 1937 in „Wee Willie Winkie“ auf: Shirley Temple (1928 - 2014)
So trat sie im Jahr 1937 in „Wee Willie Winkie“ auf: Shirley Temple (1928 - 2014) : Bild: AP/dpa

Der Film „The Littlest Rebel“ war in diesem Rahmen Shirley Temples größter Triumph. Mit ihrem Partner, dem schwarzen Sänger und Tänzer Bill Robinson, steppte und jazzte sie auch über die peinlichsten Sentimentalitäten der hanebüchenen Handlung hinweg – und rührte als Flüchtling, dem das Leben auf Landstraßen bedrohlich nahe gerückt war, ihr Publikum zu Tränen. „Polly Wolly Doodle“ hieß der Schluss-Song, ein Dixie, bei dem aber für alle Kinos der Südstaaten die Momente, in denen Shirley Temple ihren Partner Bill Robinson an der Hand fasste, geschnitten wurden.

Unglaubliche 34 Filme – darunter auch eine Version von Johanna Spyris „Heidi“ – hatte Shirley Temple zwischen 1932 und 1939 gedreht, als ihre Popularität nachzulassen begann. Die eigentliche Wende brachte die Weigerung von Fox, ihren Kinderstar an MGM für die Verfilmung von „The Wizard of Oz“ auszuleihen. Es hätte für Shirley Temple der erste Schritt hin zu jener großen Sängerin und Schauspielerin werden können, die statt ihrer dann ihr Ersatz Judy Garland wurde.

Der Rest ist so rasch erzählt wie – im Bezug auf die Filmkarriere Shirley Temples – deprimierend: Ihr Film „The Blue Bird“, geplant als Konkurrent für den „Wizard of Oz“, floppte. Nach einem weiteren Misserfolg verzichtete Fox. Shirley Temple, nun ein Teenager, spielte noch in drei Filmen: Nebenrollen – von der Kritik gelobt, vom Publikum ignoriert. Entschlossen wechselte sie in die Politik, erwarb sich Respekt – und wurde mit steigendem Alter zu einer festen Größe, einer Institution im amerikanischen kulturellen Selbstbewusstsein, 2005 geehrt mit dem Screen Actors Guild Life Achievement Award. Am Montag ist Shirley Temple im Alter von 85 Jahren gestorben.

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