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Zum Tode Richard Hamiltons : Im Allgemeinen das Hohe wiederfinden

  • -Aktualisiert am

Richard Hamilton vor seinem Bild „The state” aus dem Jahr 1994 im Kölner Museum Ludwig 2003. Es zeigt einen patrouillierenden britischen Soldaten in Nordirland, der sich vorsichtig rückwärts bewegt Bild: Barbara Klemm

Kein Etikett blieb an ihm haften. Zu seinem Markenzeichen wurde der Stilsprung. Jetzt ist der Pop-Art-Pionier Richard Hamilton im Alter von 89 Jahren gestorben.

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          Richard Hamilton schaute gern zurück. Gleichzeitig überblickte er mit hypersensiblem Blick, was kommen sollte - stets mit gewieftem Humor, Kühnheit und Kraft. Obwohl er selbst darauf beharrte, dass seiner Kunst die Ironie fremd sei. Richard Hamilton beschäftigte sich mit der Hochkultur, zum Beispiel James Joyce, er griff Velazquez und Picasso auf, beackerte „acht Jahre lang“ die Folgen der Arbeit von Marcel Duchamp und war fasziniert von dem damals neuen Science-Fiction-Blick. Doch die entscheidende Ressource seiner Kunst war die medial verrückt gewordene Gegenwart der späten fünfziger und sechziger Jahre. Er schrieb das technologische und gesellschaftliche Spektakel in sein visionäres Werk ein.

          Seine Persönlichkeit blieb dabei außen vor. Man findet kaum autobiographische Züge in seinen Werken. Sogar das Künstler-Selbstbildnis erscheint relativiert: 1965 malte sich Hamilton selbst in einigen Variationen als Titelkopf der „Time“. Während Francis Bacon seinen Malstil zelebrierte und unendlich wiederholte, Lucian Freud oder auch Matisse sich in ihrem Werk offenbarten, interessierte sich Richard Hamilton nicht für einen Stil. Denn er erkannte, was viele - sogar Andy Warhol - lange nicht begreifen sollten: Ähnlich wie die Erfindung der Fotografie das Vorrecht der Kunst beschnitt, visuelle Tatsachen festzuhalten, so sei ihr durch die Populärkultur ihre Rolle als Schöpfer von Mythen entzogen worden.

          Die Auseinandersetzung mit der Populärkultur begründete sich für ihn durch den Willen, die wertvollen, künstlerischen Bilderwelten zurückzuerobern, denn von dort bezog er seinen Realismus, der für ihn notwendig zur Kunst gehörte. Er wollte der Kunst ihren Sinn zurückgeben. Dafür widmete er sich der Fotografie, dem Film, den elektronischen Medien. Er arbeitete als Designer, Typograph, Ausstellungsmacher, Autor, Lehrer und Forscher. Er war Maler, Zeichner, mal reflektierte er Malerei mittels Druckgraphik, mal die Fotografie mit den Mitteln der Malerei. Kein Etikett hielt lange.

          Auch beschäftigte er sich mit Genres wie Porträt, Landschaft, Blumenstillleben und Historienmalerei. Raffiniert habe er nach einer Sprache als Waffe gesucht, um sich gegen die schleichende Naturalisierung der Welt zu behaupten, schrieb Terry Eagleton über ihn - in Anlehnung an James Joyce, dessen Roman „Ulysses“ Hamilton während seines Militärdienstes 1946/47 gelesen hatte. Der Künstler fand in dem Buch die Befreiung von stilistischen und technischen Zwängen. Der Stilsprung wurde auch sein Markenzeichen.

          Bescheiden trotz zahlreicher Ehrungen

          Richard Hamilton wurde am 24. Februar 1922 in London geboren. Er durchschritt ein Jahrhundert, in dem er mit Schere, Klebstoff und Drucktechniken für seine Collagen begann und seit 1984 am Computer weitermachte, an dem er noch bis vor ein paar Tagen für die Vorbereitung für seine große Retrospektive, die ab 2013 in den Vereinigten Staaten, London und Madrid stattfinden soll, saß. Hamilton studierte zwei Jahre an der Royal Academy, 1941 arbeitete er dann als Industriedesigner. 1946 musste er zum Militär. So konnte er erst 1948 mit dem Studium an der Slade School of Art beginnen.

          Als Kurator engagierte er sich für die Ausstellung „Growth and form“ 1951, wurde Gründungsmitglied der „Independent Group“ am Institute of Contemporary Art. Wichtig ist seine typographische Übertragung der „Grünen Schachtel“ von Duchamp; er traf ihn 1963 persönlich, beschäftigte sich mit seinem „Großen Glas“ und organisierte eine Duchamp-Ausstellung im Jahr 1966. Sein Werk war auf der Documenta 4 und 10 zu sehen, wurde in etlichen ausführlichen Ausstellungen gezeigt. 1993 wurde er mit dem „Goldenen Löwen“ der Biennale in Venedig ausgezeichnet. An Ehrungen mangelte es nicht. Bescheiden blieb dennoch sein Auftreten.

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