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Zum Tode Donald Byrds : Der diskrete Kommandeur

Andere hätten mit diesen Fähigkeiten geprahlt. Er hingegen gab den Ton vor, aber nicht die Lautstärke: Zum Tod des amerikanischen Jazztrompeters Donald Byrd.

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          Die Trompete ist ein gefährliches Ding, der Trompetenspieler kann, wenn er nur will, mit dem klaren, scharfen Klang seines Instruments alle anderen übertönen - und vermutlich liegt es daran, dass die Genies der Trompete, die wirklich virtuosen Spieler, sich auf die coolen, die scheinbar schlichten und zurückhaltenden Phrasen konzentrierten. Lautstarkes Könnertum, die Jagd nach dem Geschwindigkeitsweltrekord, das alles klingt falsch und vulgär auf der Trompete, und Donald Byrd, der große, der phantastische Trompeter, gehörte zu denen, die das immer am allerbesten verstanden haben.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er gab den Ton vor, aber nicht die Lautstärke, er wusste, wie gut und wie schnell er war, und deshalb musste er es nicht in jedem seiner Stücke beweisen. Was man auf seinem herrlichen Album „A New Perspective“, das fünfzig Jahre alt ist und absolut heutig klingt, zuerst hört, vor allem in dem Blues „Beast of Burden“, das sind ein Chor und ein Piano, ein Groove, so suggestiv, dass man sich darin verlieren kann, und man muss schon ganz konzentriert sein, damit man bemerkt, wie Byrds Trompete hier ganz subtil das Kommando hat.

          Diese Musik ist nicht gealtert

          Was man hört auf „Black Byrd“, vor vierzig Jahren erschienen, sind Elektrogitarre und -piano, funky wie die Nacht, ein Chor, und erst allmählich fällt einem auf, dass es Donald Byrds Trompete ist, welche die erste Stimme singt. Es sind Platten wie diese beiden, die den Fan und den Kenner begreifen lassen, wie schwer, ja wie unmöglich es ist, heute Jazz zu spielen und zu komponieren: weil man eben anspielen muss gegen diese Musik, die, einerseits, überhaupt nicht gealtert ist; und die, andererseits, doch so viel kraftvoller ist als jeder Versuch, heute diesen Stil, diesen Soul-Jazz und Funk-Jazz, wiederaufzunehmen, weil es damals nicht bloß darum ging, einen stimmigen Sound und einen coolen Rhythmus zu spielen.

          Es ging schon auch darum, dass ein schwarzer Musiker mit dieser Musik die versteinerten Verhältnisse, die von weißen Männern beherrscht wurden, zum Tanzen bringen wollte. Oder, weil jeder afroamerikanischer Junge, der Trompete lernte, das Alte Testament gut genug kannte: zum Einsturz, wie die Mauern von Jericho.

          Donald Byrd, 1932 in Detroit geboren, war kein Getto-Kind, sondern der Sohn eines Pfarrers, er hatte ganz ordentlich Musikpädagogik in New York studiert, und er war, anders als die vielen Wunderkinder des Jazz, schon 22, als er zu Art Blakey und den Jazz Messengers stieß.

          Er spielte Hard-Bop, gewissermaßen die Klassik des modernen Jazz, und als diese Zeit vorüber war, trauerte er ihr nicht hinterher. Seine schönsten und interessantesten Platten sind unrein und unorthodox, haben zu viel Soul, zu harten Funk, zu viel elektrisch verstärkte Klänge, als dass sie etwas für Puristen wären. Und wenn Byrd sich zwischendurch seiner Herkunft vergewissern wollte, nahm er einen Blues auf, was immer richtig war. Am 4. Februar ist, wie jetzt bekannt wurde, Donald Byrd gestorben.

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