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Zum Tod von Wolfgang Hilbig : Widerstand gegen den Zerfall der Literatur

Wolfgang Hilbig Bild: dpa

„So schnell, wie ich denke, so schnell kann ich schreiben. Also langsam.“ Der Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig hat sich stets zu seinem literarischen Außenseitertum bekannt. Nun ist er im Alter von 65 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Ein Nachruf von Tilman Spreckelsen.

          „So viel der Guten hab ich überlebt“, hebt das Gedicht „Der Zufall“ an, das sich Wolfgang Hilbig zum sechzigsten Geburtstag vor knapp sechs Jahren schrieb, „so viele Todesstunden überstand ich und aus keiner / hinterblieb ich weise niemals lernt ich draus auf meiner Bahn.“ Wer ihn kannte, wird das vielleicht bestätigen, und wer ihn nicht kannte, wird etwa nach der Lektüre seines fulminanten autobiographischen Romans „Das Provisorium“ geneigt sein, die selbstzerstörerischen Züge des entschlossen trinkenden Protagonisten auf den Autor zu übertragen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, mit welcher Disziplin Hilbig sein hochkomplexes Werk schuf, welche gewaltige schöpferische Kraft er dabei entwickelte, welchen Widerständen er begegnete und welche Würde er angesichts der Verlockungen eines Literaturbetriebs bewies, der sich dem sprachversessenen Einzelgänger gern mehr geöffnet hätte, wäre der nur zur Produktion marktgängigerer Ware bereit gewesen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Hilbig, geboren 1941 im sächsischen Meuselwitz, vaterlos aufgewachsen in einem beinahe schriftlosen Großelternhaus, findet instinktiv zum Lesen und zum Schreiben; seine handschriftlich verbreiteten Wildwestgeschichten, so erzählt er später, immer noch stolz, finden den Beifall der Klassenkameraden und der Lehrer. Nach acht Jahren Schulzeit beginnt er eine Lehre als Dreher und arbeitet später als Heizer - in den Pausen liest oder schreibt er, und diese Erfahrungen werden, erzählerisch vielfach gebrochen, in seinem literarischen Werk eine entscheidende Rolle spielen.

          Anwerbeversuch der Stasi

          Es folgen Publikationsversuche im Osten und der Kontakt mit dem Westverlag S. Fischer, was dem von Franz Fühmann protegierten Autor eine Haftstrafe inklusive Anwerbeversuch der Stasi einbringt. 1985 geht Hilbig mit einem Visum in die Bundesrepublik, und es zeigt sich, dass diese Situation zwischen Ost und West für den Autor einerseits bedrückend, andererseits literarisch ausgesprochen fruchtbar ist.

          Hilbig, seit jeher ein Heimatloser, ein Zerrissener zwischen Brotberuf und Neigung, beschreibt diese Zeit rückblickend, als er von dieser Zeitung gebeten wird, einen Brief an Hofmannsthals Lord Chandos zu richten. Die Erde, so Hilbig, teile sich auf in „zwei miteinander zerfallene Teile, die sich auf unerhörte, auf noch wahnwitzigere Weise mit erneutem Krieg bedrohten, und zwischen diesen Weltteilen irrte ich umher, und in keinem davon gelang es mir, zu einem Ausdruck von Zusammenhängen zu finden.“

          „Ich wollte mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben“

          Nicht, dass er es nicht versucht hätte: Doch der schreibende Arbeiter war zu klug und zu ehrlich, um die ihm zugedachte Rolle zu erfüllen, er machte daher Ernst mit dem Schreiben und Arbeiten und hatte keine Zeit mehr für derlei Zirkel, die er dann auch türenschlagend wieder verließ. Und als er dann im vor sieben Jahren erschienenen Roman „Das Provisorium“ allzu eindringlich die Verstörung des aus dem Osten übersiedelten Schriftstellers angesichts der Konsumwelt des Westens schilderte, wurde ihm auch das in Rezensionen übel angekreidet, zumal seine kritischen Bemerkungen zur Natur der deutschen Wiedervereinigung noch nicht vergessen waren.

          „Ich wollte mit der Wirklichkeit, in der ich lebte, nichts zu tun haben, und habe es lange vermieden, darüber zu schreiben“, so schildert Hilbig im Rückblick seine Lehrjahre als Industriearbeiter und als Schriftsteller. Als er sich dann doch seinem Alltag zuwendet, findet er zu einer geradezu unerhörten Sprache: Geschmeidig, sinnlich, voll überraschender Wendungen und überaus kohärent, so verwandeln seine Schilderungen das, was er im sächsisch-thüringischen Industriegebiet vorfindet, in eine abgründige Traumwelt, die unübersehbar an der Nachtseite der deutschen Romantik geschult ist - von seinem ersten Lehrlingslohn, erzählte Hilbig gern, habe er sich eine Werkausgabe von E. T. A. Hoffmann gekauft, und wo es um den gleitenden Übergang zwischen Alltag und Phantastik geht, erweist sich Hilbig als ein gelehriger Schüler, auf den Hoffmann stolz sein dürfte, etwa bei dem unerreichten Kabinettstück „Alte Abdeckerei“.

          Literarische Außenseiterexistenz

          All dies ist kein Selbstzweck, sondern Notwendigkeit; Hilbig, der zweifeln und hadern, aber seiner Sache auch sehr sicher sein konnte, bekannte sich ohne einen Funken von Koketterie zur literarischen Außenseiterexistenz: „So schnell, wie ich denke, so schnell kann ich schreiben. Also langsam“, sagte er in einem Gespräch, und im besagten „Brief an Lord Chandos“ schreibt er, er hätte sich entschlossen, „dass ich zumindest Widerstand zu leisten habe gegen den Zerfall der Literatur. Ich weiß nicht, wie, aber zumindest den Ansatz eines Widerstands muss ich wagen.“ Das ist nicht nur auf sein belletristisches Werk beschränkt, sondern betrifft auch seine zornige Analyse der Literaturkritik, der er 1995 in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen habituelle Beliebigkeit vorwarf und die bereitwillige Teilhabe an einer allgegenwärtigen Unterhaltungsindustrie.

          Alldem hielt er ein Werk entgegen, das seinesgleichen sucht: eine Reihe von Erzählungen, darunter großartige Capriccios wie „Der Durst“, „Der Leser“ oder „Die elfte These über Feuerbach“, einige Lyrikbände sowie die Romane „Eine Übertragung“, „Ich“ und „Das Provisorium“. Von seinen Selbstzweifeln konnte ihn auch der Beifall der Kritiker nicht abbringen, auch nicht, dass er mit wichtigen Auszeichnungen wie dem Büchnerpreis überhäuft und von Kollegen wie Ingo Schulze, Georg Klein, Michael Lentz und Judith Herrmann bewundert wurde. „Ich bin des Zufalls schiere Ungestalt“, schließt Hilbigs Geburtstagsgedicht, „und nun müßt Ihr mich überstehn: erbarmt euch meiner!“ Am Samstagnachmittag ist Wolfgang Hilbig in Berlin gestorben.

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