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Zum Tod von Walter Jens : Ein Redner, das war sein Ideal

Walter Jens (1923 - 2013) Bild: dpa

Seine Stimme prägte die alte Bundesrepublik und sein Ruhm leuchtete weit über Tübingen hinaus: Walter Jens ist im Alter von neunzig Jahren verstorben.

          In Quintilians „Ausbildung des Redners“, einem für Walter Jens zentralen Text, warnt der römische Rhetoriker vor einem Missverständnis bei der Lektüre seines Leitfadens: „dass wir nämlich nicht  einen Redner unterweisen, wie es ihn gibt oder gegeben hat, sondern wir im Geist eine Art Bild empfangen haben, das ihn vollkommen und auf keinem Gebiet weniger meisterhaft zeigt“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Jens hätte rund zwei Jahrtausende später den geeigneten Schüler für Quintilian abgegeben, denn dessen Ideal eines auf allen Feldern umfassend gebildeten Redners, der im Grunde schon Meister aller Klassen sein muss, ehe man ihn zur größten Kunst, der der Beredsamkeit, führen kann, hat niemand so ausgefüllt wie er. Seiner Feder entstammen Romane und Theaterstücke, er schrieb Glossen über Fernsehen und Sport, er war in Altphilologie wie Theo logie gleichermaßen zu Hause, und er mischte sich freudig in politische Debatten ein. Seine Stimme hat die alte Bundesrepublik geprägt. Nun ist sie verstummt.

          Debatten der letzten Jahre

          In seinen letzten Jahren ist Walter Jens noch zweimal für ein größeres Publikum interessant geworden: als erfolgreicher Biograph (gemeinsam mit seiner Frau Inge) von Katia Pringsheim, der Gattin Thomas Manns, und als Angehöriger der NSDAP, die ihn seit 1942 als Mitglied führte, wie im Jahr 2003 bekannt wurde. Jens hat abgestritten, jemals einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt oder auch nur gewusst zu haben, dass man ihn aufgenommen hatte.

          Der Redner der Republik: Walter Jens spricht auf dem SPD-Parteitag von 1979.

          Es ist traurig, dass ausgerechnet diese Beschuldigung als sein letztes publizistisches Lebenszeugnis in Erinnerung bleiben wird. Die intellektuelle Bedeutung des Kritikers, Herausgebers, Dramatikers, Romanciers, Übersetzers und Akademie- sowie Pen-Präsidenten wurde dadurch unverdient in den Schatten gestellt. Doch einen Platz gab es, an dem der Ruhm von Walter Jens weiter geleuchtet hat: Tübingen.

          Minister der Gelehrtenrepublik

          Und für jeden, der die Stadt erlebt hat, als sie sich wie eine aus der Zeit gefallene Insel der Gelehrsamkeit ausnahm, also die Universitätsstadt der siebziger und achtziger Jahre, für den wird es unvorstellbar sein, nicht mehr die Stimme von Walter Jens zu hören. Sie prägte diese Insel, mehr als die Stimmen der großen Universitätskollegen Ernst Bloch, Hans Mayer oder Walter Schulz – um nur die Berühmtesten jener Jahre zu nennen.

          Innen- und Außenminister der Gelehrtenrepublik: Walter Jens auf der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1982.

          Jens war Innen- und Außenminister der Gelehrtenrepublik zugleich: Für die Tübinger, zu denen der 1923 in Hamburg Geborene nach dem Krieg gestoßen war, wurde er zu einem der Ihren – was  einiges heißen will. Er gewann das Herz der stolzen Schwaben, als er der Eberhard-Karls-Universität 1963, zu einer Zeit, als er zu den brillantesten jungen Köpfen des akademischen Deutschland gezählt wurde, die Treue hielt.

          Tübingen und der Rest der Welt

          Die Alma Mater versüßte ihm die Ablehnung eines Rufs aus seiner Heimatstadt mit der Einrichtung des ersten und seitdem auch einzigen Rhetorischen Seminars in Deutschland, und Jens wiederum dankte Tübingen dessen Zuneigung dadurch, dass er neben all seinen publizistischen Aktivitäten auch noch zu  ihrem Chronisten wurde: In mehreren  Büchern widmete er sich der Geschichte von Stadt und Universität.

          Aber Jens wirkte eben auch nach  außen und war damit Mittelsmann zwischen Tübingen und dem Rest der Welt. Obwohl er just in jenen Geistessphären argumentierte, die Tübingens Isolation ausmachten, hatte er die Gabe, ein Fenster zu dieser Welt zu öffnen. Er brachte Lessing statt dem obligatorischen Hegel in den Hörsaal, aber auch Brecht statt Hölderlin – ohne jeweils die Lokalheiligen zu schmähen.

          Das Ideal des Redners

          Im Gegenteil: Jens hatte auch die Gabe zur Versöhnung – so unnachgiebig er als Diskutant bisweilen auch war –, nämlich zu einer intellektuellen Versöhnung seiner Gewährsleute, die sich im Zuge der zahllosen Vorträge und Vor lesungen mit der Zeit zu einem großen Ahnen-Panoptikum arrangierten, dessen Protagonisten mit  einem Mal sämtlich die Züge des Jensschen Denkens aufwiesen. Wer ihn damals gehört hat, wird ihn nicht vergessen. Haltung, Stimmführung, Betonung, Gestik – alles war wie aus dem Lehrbuch, und in seiner Person verkörperte sich tatsächlich ein Redner-Ideal.

          Walter und Inge Jens gemeinsam mit Carl Amery 1989 in Köln.

          Selbst die Handhaltung entsprach dem, was Quintilian empfohlen hatte: Mittelfinger und Daumen zusammengelegt. So stand Jens am Katheder, und wer von ihm im Kupferbau oder dem Audimax der Universität nicht beeindruckt gewesen ist, musste bereits mit Aversionen nach Tübingen gekommen sein. „Es gibt nämlich“, schrieb Quintilian im elften Buch, „eine Tönung, die nicht durch die Lautstärke sich dem Gehör einprägt, sondern durch die eigentümliche Ausdruckskraft.“ Sie war Jens zu eigen.

          Als 1992 im Tübinger Landestheater sein Drama „Ein Jud aus Hechingen“ uraufgeführt wurde, war das der späte Abschluss eines literarischen Werks, das 1950 mit dem Roman „Nein – Die Welt der Angeklagten“ höchst verheißungsvoll begonnen hatte, um dann von den akademischen und essayistischen Interessen immer mehr zurückgedrängt zu werden.

          Mit dem 1976 erschienenen Sammelband „Republikanische Reden“ erzielte Jens seinen größten publizistischen Erfolg vor der Biographie Katia Manns, doch beides war keine befriedigende Kompensation für die versäumte literarische Karriere; hier sah Jens das einzige Defizit. Dennoch dürfte es ihm gerecht werden, wenn man dem am gestrigen Sonntag Gestorbenen vor allem als „vir bonus dicendi peritus“ in Erinnerung behalten wird – als einen Ehrenmann, der reden kann.

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