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Zum Tod von Stéphane Hessel : Weltbürger mit Widerhall

Stéphane Hessel 1917 - 2013 Bild: dpa

Der französische Schriftsteller und ehemalige Widerstandskämpfer Stéphane Hessel ist tot. Der Autor des Bestsellers „Empört Euch!“ starb im Alter von 95 Jahren.

          Er hat die letzten Jahre seines langen Lebens ausgiebig genossen, daraus machte er kein Geheimnis. Stéphane Hessel war als Neunzigjähriger zum Star der Jugend geworden, zum Idol einer neuen Generation von Empörten, zum glaubwürdigen Gewissen einer Revolte ohne ideologische Motive. In ganz Europa und der halben Welt wurden seine kurzen Pamphlete übersetzt, sie erreichten über die Länder und Sprachen hinweg mehrere Millionen Auflage. Und überall, wo sein Aufruf „Empört euch!“ erschien, war Stéphane Hessel ein gefragter Redner.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Bevor er die Massen erreichte, war er dem kultivierten Publikum bekannt. Sein Leben wurde vom Mythos seiner Eltern und des Truffaut-Films „Jules et Jim“ geprägt. Seine Mutter Helen Grund liebte zwei Männer, die Freunde waren: den Deutschen Franz Hessel und den Franzosen Henri-Pierre Roché, beides Schriftsteller. Roché hatte diese unmoralische Geschichte zu einem autobiographischen Roman verarbeitet, von François Truffaut wurde sie verfilmt. Aus dem Schatten dieser lähmenden Legende, die ihn schon zu Lebzeiten unsterblich erscheinen ließ, ist Stéphane Hessel erst im vorgerückten Alter hervorgetreten. Es verlieh ihm eine große Freiheit. Aber auch als neunzigjähriger Anstifter zu Revolte und Rebellion blieb er ein eleganter und höflicher Mensch, dem gute Manieren fast so wichtig waren wie Überzeugungen.

          Ohne Rücksichten

          Er wurde in Berlin geboren, am 20.Oktober 1917, „im Jahr der Russischen Revolution“, wie er gern unterstrich. Nach Frankreich kam er im Alter von sieben Jahren. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde er von den Deutschen gefangen genommen. Er konnte fliehen, ging zu de Gaulle nach London und kehrte in den Widerstand zurück. Er wurde abermals verhaftet, gefoltert und nach Buchenwald deportiert, von wo er unter dramatischen Umständen ein weiteres Mal entkommen konnte.

          Nach 1945 arbeitete er im diplomatischen Dienst seines Landes. Er war an der Formulierung der Erklärung der Menschenrechte von 1948 beteiligt. Präsident Mitterrand verlieh ihm den Titel eines „Ambassadeur de France“. Der Rücktritt an der Schwelle zum Rentenalter war der Anfang einer Befreiung. Hessel musste keine Rücksichten mehr nehmen. Er engagierte sich nun für die Obdachlosen, Ausgeschlossenen, Eingewanderten. Nach dem 11.September 2001 kämpfte er für die Verhinderung eines „Kriegs der Zivilisationen“. Und er kritisierte Israel: „Dass Juden ihrerseits Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.“ Solche Aussagen wurden ihm bei aller Verehrung, die er in den letzten Jahren genoss, auch übelgenommen. Nicht nur in Israel.

          Seine eindrücklichen Memoiren erschienen 1997 unter dem Titel „Tanz mit dem Jahrhundert“. Seine vorherigen Bücher waren nicht sehr erfolgreich. In der Nacht auf den vergangenen Dienstag ist Stéphane Hessel in Paris im Alter von 95 Jahren gestorben. Und schon vermissen wir den europäischen Intellektuellen, der nach den politischen Irrtümern und der ideologischen Blindheit seiner berühmteren Kollegen des zwanzigsten Jahrhunderts dem Begriff des Engagements im neuen Jahrtausend neue Verbindlichkeit zu geben vermochte. Damit hatte seine eigene Legende begonnen.

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